Wir ziehen in den Krieg

22.01.2020


Die Zeit: Winter 1758

Die Orte: Iwanie, Warschau


Wenn die Jakob-Anhänger in Iwanie ihre Situation richtig bedenken, können sie sie nicht schön reden. Eine echte Genugtuung ist ihnen verwehrt geblieben. Auf solche Situationen reagieren Menschen mit Rachegelüsten.

Und tatsächlich, es geht um Rache und um das, was unweigerlich auf die Rache folgt. 

Die Kleine Chaja spricht es aus:

Ein Krieg ist es. Wir ziehen in den Krieg.

Jakobs Schuld ist das nicht. Oder wie es aus dem OFF heißt:

Als harmlos und unschuldig sehen ihn seine Anhänger - ein einfacher Mensch, der nichts zu schaffen hat mit Sätzen und Buchstaben.

In Iwanie selbst wird vor allem über ihre bevorstehende Taufe gestritten. Die einen sagen, sie sei Teil des Abkommens mit Kirche und Staat, die anderen zweifeln das an.

Aber sie kommen zum Schluss, dass sie stattfinden soll, am Dreikönigstag 1760. Und sie soll ihn bringen, den endgültigen Schlag gegen den Feind.

Der Krieg hat begonnen, und das erste Opfer des Krieges ist wie immer die Wahrheit. 

Und die Sabbataizwisten rund um Jakob Frank formulieren eine alte Lüge neu:

Der Talmud lehrt, dasz Christenblut notwendig sei, und wer an den Talmud glaubt, musz es benötigen.

So schreiben sie es in die Bittschrift, die sie an den Primas der Katholischen Kirche Polens in Warschau schicken.

Rabbi Nachman versucht noch, das aufzuhalten: 

Nichts dergleichen steht in den Schriften.

In den Schriften steht alles, widerspricht ihm Jakob.

Schweigend unterzeichnen sie.

Wieder erklingt die Stimme aus dem OFF, die Olga Tokarczuk gehören könnte:

Wenig ausgestaltet ist die polnische Sprache für derlei Dinge, Theologisches weiß sie kaum zu benennen (...) Von Natur ist diese Sprache der Orthodoxie ergeben.

Da trifft es sich gut, dass die Kastellanin Kossakowska just zur selben Zeit einem gewissen Moliwda ein Pfründchen zuschiebt. Der gewisse Moliwda, Dolmetscher von Jakob Frank, heißt nämlich gar nicht Moliwda, sondern Kossakowski und ist der Cousin der Kastellanin.

Das Pfründchen ist übrigens die Ernennung Moliwda-Kossakowskis  zum Hofmarschall bei Erzbischof Lubienski, dem Nachfolger des seligen Dembinski in Warschau.

Er ist nun ihr Ohr beim Primas. Er ist nun Jakobs Mann beim Primas.

Um das alles durchzustehen, übersetzt Moliwda-Kossakowski den ollen Pythagoras, denn

Sonst fürchtet er zu verdummen, unter diesem kalten, feindlichen, schier unendlichen polnischen Himmel.