(Wieder)entdeckt: Die Schweizer Friedriche

30.03.2021

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Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker. Diogenes 2012. ISBN E-Book 978 3 257 60059 9
Friedrich Glauser: Wachtmeister Studer Sammlung. Null Papier Verlag 2020.  ISBN E-Book 978-3-962816-31-5.

In der Schule hatte ich ihn zuletzt gelesen - und konnte mich an fast gar nichts daraus erinnern. Außer vielleicht an den Hund und den Namen Gastmann. Die Rede ist von Friedrich Dürrenmatts Roman "Der Richter und sein Henker". Nun, ermutigt zur Lektüre durch die Diogenes-Backlist-Lesegruppe, konnte ich gar nicht genug staunen über die Kargheit des Stils bei geradezu unheimlich präziser Landschaftsbeschreibung, Kommissarstiefe und so viel "Stimmung".

Gerade schmunzele ich auch noch darüber, dass die "Jurafrage" immer noch nicht beantwortet scheint. Las ich doch bei NTV:

Seit Jahren sorgt die "Jurafrage" in der Schweizer Gemeinde Moutier für Streit. Nun scheint der Konflikt gelöst. Die Mehrheit der Bewohner stimmt für eine Loslösung aus dem Kanton Bern und für einen Wechsel in den französischsprachigen Teil des Landes.

Nun, der Dürrenmattsche Roman, in dem diese Frage erwähnt wurde,  erschien 1950, geklärt sollte die "Jurafrage" 1974 worden sein! Nicht zu fassen, diese Schweizer. Die bleiben sich treu. 

Trotzdem staunte ich noch viel mehr - als ich im Anhang vom "Richter" folgende Buchbesprechungsnotiz aus dem Jahr 1952 las:

Die letzten schweizerischen Kriminalromane, die ein Anrecht darauf hatten, die Gattung des Kriminalromans innerhalb der eigentlichen Literatur zu repräsentieren, stammten aus der Feder des zu früh gestorbenen Friedrich Glauser. Die Leistung Glausers lag einmal in der überlegenen ironischen Führung seiner Handlungen (...) zum andern in der Erschaffung des Wachtmeister Studer. In ihm hatte Glauser eine Figur zum Leben erweckt, die nicht bloß in ihrem Äußern typisch schweizerisch war, sondern auch noch das für Pädagogen so wichtige Kunststück vollbrachte, eigentlich mißachtete schweizerische Eigenschaften wie Kargheit, Zurückhaltung, Trockenheit zu aktivieren und im Handeln als beispielhaft darzulegen.

Da gab es also einen Autor, der vielleicht noch schweizerischer war und schrieb als Dürrenmatt? Und alles noch zwanzig Jahre früher? Dann ist er aber doch eine Art Erfinder des deutschsprachigen Kriminalromans!? Meine Neugier war geweckt. 

Im Internet heißt es, Glauser habe in den 80er Jahren eine Wiederentdeckung erfahren. Das ist dann an mir vorbei gegangen - ich kannte  den Namen nur in Verbindung mit dem berühmten Preis für Kriminalliteratur und eben als Schutzpatron des SYNDIKATs. Dass das ein wahrhaftiger Autor gewesen ist, war mir gar nicht klar. Ich dachte, der Glauser ist eine Krimifigur.

Tatsächlich lesen  sich dessen Credo und Lebensgeschichte auch so, und machten mich gerade noch neugieriger auf seinen Kriminalkommissar:

»Ich möcht probieren, ob es nicht möglich ist, ohne sentimentalen Himbeersyrup, ohne sensationelles Gebrüll Geschichten zu schreiben, die meinen Kameraden, den Gärtnergehilfen, den Maurern und deren Frauen - kurz der großen Mehrzahl gefallen.«

Friedrich Glauser am 10. Mai 1937 an Gotthard Schuh


Auf der Website vom Unionsverlag, wo die sechs Wachtmeister-Studer-Romane eine editorische Heimat gefunden haben, heißt es:

Friedrich Glauser, geboren 1896 in Wien als Sohn einer Österreicherin und eines Schweizers, führte ein rastloses Leben. Unzählige Orte und Stationen säumten seinen Weg, darunter Erziehungsheime, Gefängnisse und psychiatrische Kliniken. Friedrich Glauser lebte in Frankreich, Belgien und Italien, war lange Zeit morphiumsüchtig, verbrachte einige Jahre in der Fremdenlegion und nahm teil an der Dadaismus-Bewegung in Zürich. Er starb 1938 in Nervi bei Genua.

Also machte ich mich auf die Suche und stellte schnell fest, dass die Glauser-Werke inzwischen gemeinfrei zu haben sind. Ich benötigte eine digitale Version - und traf dabei auf den Null-Papier-Verlag, der solche Werke gegen ein geringes Entgelt (sanft editorisch bearbeitet) einfach für verschiedene Lesegeräte verfügbar macht. Ich wollte ja nur mal reinschnuppern. Auf Welchen Schatz ich da stieß, war mir nicht klar.

Wirkt das Werk Dürrenmatts schon klassisch-modern, ist die Leserin schon dankbar, dass dort stets etwas gesagt wird, anstatt nur unendlich gequasselt, schlägt Glauser den Dürrenmatt sogar noch an Modernität. Es ist schwer zu fassen, dass der "Wachtmeister Studer" tatsächlich bereits im Jahr 1936, damals noch unter dem Titel "Schlumpf Erwin Mord" erschienen ist.

Es fielen mir als erstes die Anleihen auf, die Dürrenmatt für seinen "Bärlach" bei "Studer" gemacht hat. Beide Polizisten sprich Detektive befinden sich am Ende ihrer Laufbahn, beide sind krank als sie ihre Fälle lösen. Beide haben genaue Pläne, wie sie die jeweilige Straftat aufklären werden. Beide lassen sich nicht vom Weg abbringen - auch nicht durch Gewalt. Beide Autoren lassen ihre Romane in der selben Gegend spielen - dort zwischen dem "deutschen" Bern und dem "welschen" Jura, wo die Identitätsfragen bis heute ungeklärt sind..

Aber wo Dürrenmatt künstlich verknappt und gleichzeitig grotesk überzeichnet, baut Glauser gleich noch eine noch eine ganze Welt herum. Was den schon erwähnten Rezensenten zu folgendem schwärmerischen Ausruf kommen ließ:

Der Roman, der nicht gefühlswarm und in unermüdlicher Einfalt die Torheiten eines pseudo-schweizerischen Alltags und des durchschnittlichen Bildungsgangs durchschnittlicher Mittelschüler beschwatzt, sondern zugleich phantasievoll und mit einem gewissen angeborenenVerführungsrecht aus dieser schweizerischen Wirklichkeit (die eine große Unbekannte ist!) heraus seine Bilder und Gestalten schafft, ist selten. Das ist schlimm, weil Romane für die Bildung eines Volkes ungefähr so wichtig sind wie Schulen. Was wären die Engländer ohne ihre Romane, und was wären die Deutschen, wenn sie bessere Romane hätten.

Ich möchte noch hinzufügen: Bei Glauser gibt es sogar eine echte Action-Szene mit einem Automobil!

Leider wird der Film, der 1939 zum Buch gedreht wurde, diesem auf keine Art und Weise gerecht.

Wer wie ich Dürrenmatt vergessen hatte und Glauser vielleicht noch gar nicht kannte, sollte nicht Filme gucken, sondern dringend beide Autoren

(Wieder)Lesen!