Weshalb Juden in Polen Christenblut trinken

18.01.2020

Die Zeit: 1758

Der Ort: Warschau


Olga Tokarczuk bricht mit "Die Jakobsbücher" in Polen gleich mehrere Tabus und wird deshalb von der herrschenden PiS-Partei scharf kritisiert. Vorgestern hat die Neue Zürcher Zeitung das so zusammengefasst:

Zu den vom PiS-Lager tabuisierten Themen gehört die Mitschuld Polens an der Verfolgung der Juden. Deren Diskriminierung in der polnisch-litauischen Adelsrepublik des 18. Jahrhunderts bildet den Hintergrund von Tokarczuks opulentem Roman «Die Jakobsbücher», der in der glänzenden Übersetzung von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein 2019 im Zürcher Kampa-Verlag erschien.


Tatsächlich war es so, dass im Jahr 1758 die jüdischen Gemeinden Polens sich veranlasst sahen, Papst Benedikt XIV. zu bitten, sie gegen Ritualmordvorwürfe und Vorwürfe ritueller Christen-Blutverwendung durch Katholiken ihres Landes in Schutz zu nehmen.

1758 ist es tatsächlich so, dass der spielsüchtige und bekennende Antisemit Kajetan Soltyk Bischof von Krakau werden will, sobald der amtierende Bischof Zaluski (der Bruder von dem mit der öffentlichen Bibliothek) verstorben sein wird.

Im Roman trifft dieser Bischof Kajetan Soltyk auf die Kastellanin Kossakowska vom Anfang des Romans und den Jozef Zaluski mit der Bibliothek.

Das Gespräch kommt auf den Brief, den Papst Benedikt XIV. (Benedikt XVI. Ist übrigens der deutsche Papst Ratzinger, der uns ja eine Zwei-Päpste-Zeit beschert, samt den zu erwartenden aktuellen Schwierigkeiten) als Antwort auf die Bitte der jüdischen Gemeinden schickt:

Der Standpunkt Roms ist klar und unverrückbar: Anschuldigungen dieser Art sind nichts als Erfindung und entbehren jeder vernünftigen Grundlage.

Der Judenhasser und werdende Bischof von Krakau ist empört:

Mit eigenen Ohren habe ich die Geständnisse gehört. Den ganzen Prozess lang war ich zugegen.

Worauf die Kossakowska spitzzüngig erwidert:

Dann wäre ich gespannt zu hören, was Eure Exzellenz unter Folter gestehen wollten.

Der Bibliotheks-Zaluski ist bemüht, den sich anbahnenden Streit zu schlichten, und auf die Möglichkeiten der Wissenschaft zu verweisen:

Ich möchte das grässliche Thema in einer gelehrten Abhandlung erörtern.

Hier schwappt die Aufklärung nach Polen:

Ich stütze meine Erkenntnisse auf das gewissenhafte Studium der Quellen, vor allem habe ich genau darüber nachgedacht, denn Tatsachen, die ohne den nötigen Verstand festgehalten wurden, führen, wenn sie oft gelesen werden, unweigerlich in die Irre.

Ich kam nämlich zu dem Schluss, dass das ganze Missverständnis einem schlichten Fehler der Worte, vielmehr der hebräischen Buchstaben entspringe.

Das Wort d-a-m (...) bedeutet zugleich Geld und Blut, woraus eine Verwechselung sich ergeben kann. Wenn wir also sagen, die Juden seien gierig auf Geld, heißt es dann, sie seien gierig auf Blut. Und die Phantasie des einfachen Volkes machte sich Christenblut daraus.

Und ein zweites gibt es noch: Während der Vermählung reicht man dem Brautpaar einen Trunk aus rotem Wein und Myrte h-a-d-a-s, auch das kann für d-a-m-, für Blut genommen werden. Hier könnte der Schlüssel liegen für all die Anschuldigungen.


Bischof Soltyk ist beleidigt, trotz des immer noch inliegenden antisemitischen Gedankenguts:

Eure Exzellenz ziehen mich und mein Zeugnis ins Lächerliche, sagt er unerwartet ruhig und in formellem Ton.