Was ist eigentlich - und woran erkennt man Faschismus?

17.02.2020

Das Thema Faschismus muss bei der Auseinandersetzung mit Grazia Deledda angesprochen werden. Es schwebte über ihr, seit sie den Literaturnobelpreis bekommen hatte und nicht die kritische Matilde Serao, als ein Faschist Ministerpräsident von Italien war. Hier zurück zum entsprechenden Blogeintrag: 

Die Natur, der Faschismus, der Literaturnobelpreis*

Mein persönliches Wissen um das Thema "Faschismus in Italien" ist nicht sehr umfassend. In der Stadtbibliothek fand ich nur ein Buch, das für mich in der Frage nutzbar ist: Mussolini und das faschistische Italien von Martin Blinkhorn. Es stammt allerdings aus dem Jahr 1994. Wer sich für das Thema interessiert: In der Ankündigung habe ich folgendes Buch gesehen: Antonio Scuratis: Mussolini: Der Sohn des Jahrhunderts - das in den nächsten Tagen bei Klett-Cotta erscheinen wird.

Zunächst aber habe ich mich wieder im Internet bedient - unter zwei verschiedenen Schwerpunkten: Wie erklärt man Kindern den Faschismus, dann verstehe ichs nämlich auch auf die Schnelle und Wie erklärt ein anderer großer Italienischer Autor, nämlich Umberto Eco, dieses Phänomen?

Zuerst aber kurz zur Frage: Wer war Benito Mussolini?

Benito Mussolini (1883-1945) war ehemals Sozialist. Nach dem 1. Weltkrieg gab es in Italien zerrüttete innenpolitische Verhältnisse und eine Schwäche der parlamentarischen Demokratie. Seine Anhänger suchte er sich unter den Bürgern der Ober- und Mittelschicht, denn die fürchteten sich vor einer sozialistischen Revolution und dem damit verbundenen Verlust von Stellung und Eigentum. In ihrem Auftrag also ging er mit seinen schwarz uniformierten Schlägertrupps gegen Sozialisten vor. Ende 1922 organisierte er den "Marsch auf Rom" - und "zwang" mit seinen "Schwarzhemden", König Emanuel III., ihn zum Regierungschef zu ernennen.

Wobei es wohl in Wirklichkeit so war, dass der König selbst früh einknickte und es eher Kräfte gab, die das mit dem Faschismus mal probieren wollten. Bei dem "Marsch" handelte es sich also eher um einen Bluff. 30.000 schlecht ausgerüstete Marschierer hätten von den Regierungstruppen leicht zurückgeschlagen werden können. Der Regierungschef wollte den Notstand ausrufen. Der König verweigerte seine Unterschrift. Der Regierungschef schmiss hin - und der König bestellte Mussolini zu sich.

Mussolini führte dann als Ministerpräsident eine Koalitionsregierung, in der die Faschisten die Minderheit waren. Die katholische Kirche unterstützte neben der Wirtschaft und der Armee die Festigung seiner Macht. Aus der ehemaligen Schlägertruppe mit den schwarzen Hemden wurde eine Mussolini ergebene Polizei.

Es gab dann Attentate der Faschisten auf politische Gegner, woran die Regierungskoalition zerbrach.

Mussolini lehnte es ab, irgendeiner Regierung beizutreten, die er nicht selbst führte. Am 29. Oktober bekam er den Ministerpräsidentenposten. Das war dann der wahre "Marsch auf Rom" . Aber jetzt hatte Italien "nur" einen faschistischen Ministerpräsidenten, keine faschistische Regierung.

Am 3. Januar 1925 riss Mussolini die Macht an sich und errichtete eine Diktatur. Da sagt er auch den berühmten Satz: "Wenn der Faschismus eine Verbrecherbande ist, so bin ich eben der Anführer". Das ist der Auftakt zum totalitären Staat.

Politische Freiheitsrechte wurden außer Kraft gesetzt, politische Gegner wurden verfolgt, verhaftet, verbannt oder ermordet. Die Volksmassen wurden in die Organisationen der Faschistischen Partei eingegliedert. Im katholischen Italien gab es Rückhalt wegen Zugeständnissen an den Vatikan und einer spürbaren Verbesserung der Wirtschaftslage.

Also erstmal: Faschismus war ursprünglich die Bezeichnung für die politische Bewegung Mussolinis. 

Woran erkennt man nun Faschismus? Wonach müsste ich suchen, wenn ich bei Grazia Deledda faschistoide Tendenzen nachweisen wollte?

Faschismus ist

  • Antidemokratisch
  • Antikommunistisch
  • Es gibt einen Führer, der vom Volk verehrt oder auch verklärt wird
  • Der einzelne Mensch zählt nichts
  • Im Mittelpunkt steht das Wohl der "Volksgemeinschaft"
  • Eine faschistische Partei herrscht alleine und diktatorisch und versucht alle Bereiche von Staat und Gesellschaft zu durchdringen
  • Es gibt einen übersteigerten Nationalismus, die Hervorhebung des eigenen Volkes als etwas Besonderes
  • Es gibt eine hohe Gewaltbereitschaft
  • Es gibt einen starken Willen zur Macht, die notfalls auch mit Gewalt zu erringen ist

Quelle:

https://www.cpw-online.de/kids/faschismus.htm


Umberto Eco hat bereits 1995 folgende Punkte genannt:

  • Traditionenkult: Es kann keinen Fortschritt der Erkenntnis geben
  • Ablehnung der Moderne: Trotz Technikverehrung geht es um "Blut und Boden". Die Werte der Aufklärung und die Werte von 1798 (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) werden abgelehnt
  • Irrationalismus: Kultur wird verdächtigt, sobald sie kritisch wird. Misstrauen gegenüber dem Intellekt.
  • Ablehnung der analytischen Kritik
  • Ablehnung von Meinungsvielfalt und Pluralismus
  • Faschismus entsteht durch individuelle oder soziale Frustration. Der Appell an die frustrierte Mittelklasse in einer ökonomischen Krise oder bei politischer Demütigung.
  • Nationalismus: Die Anhänger müssen sich belagert fühlen, am besten durch Fremde
  • Das Leben ist nur um des Kampfes Willen da. Pazifismus ist die Kollaboration mit dem Feind.
  • Elitedenken: Man gehört dem besten Volk, der besten Rasse an
  • Erziehung zum Heldentum
  • Übertragung des Willens zur Macht und des Heldentums auf die Sexualität
  • Selektiver Populismus: Der individuelle Bürger wird durch den Volkskörper ersetzt
  • Urfaschismus spricht Neusprache: Ein verarmtes Vokabular mit Framing und Deutungshoheit.

Quelle: https://www.pressenza.com/de/2017/10/14-merkmale-des-ur-faschismus-nach-umberto-eco/