Über die Männer, über die Frauen, über Selma

24.01.2020

Selma Lagerlöf. Foto: Verlag Urachhaus


*WERBUNG wegen REZENSIONSEXEMPLAR | unbeauftragt| unbezahlt*


Gestern saßen dort rauchende und grölende Herren. Ich mag Männer nicht sehr und kann ihre Unsitten nicht ertragen. Sie verbittern einem das Dasein.*

So schreibt Selma Lagerlöf im September 1901 an ihre Freundin Sophie.

Ein bisschen was von dieser Abneigung klingt auch immer wieder in Gösta Berling durch. Die geschilderten Männer kommen insgesamt deutlich schlechter weg als die Frauen.

Männer werden als dumm, grob und gewalttätig dargestellt. Sie sind Trinker oder gar wie die Kavaliere:

Männer, die das Mark des Landes aussaugen, die uns zu ernster Arbeit untauglich machen, die unsere heranwachsende Jugend verderben und unsere begabten Männer verführen.

Das Register der Frauendarstellung ist weit umfangreicher: Es gibt tatkräftige Frauen, wie die Majorin, Frauenzimmer, empfindsame Frauen, ältliche Frauen, die spät die Liebe entdecken, aufopferungsvolle Mütter, natürlich auch böse Schwiegermütter.

Wobei Selma Lagerlöf betont, als Kind habe sie selbst immer geträumt, sie sei ein Mann und würde schöne Frauen lieben.

Apropos schöne Frauen:

Ein Beispiel ist die Geschichte um die junge Gräfin auf Dohna.

Wer immer die junge Gräfin kennenlernt, fragt sich unwillkürlich, wie es wohl gekommen sei, dass dieses holde Geschöpf den dummen Grafen Henrik genommen hat.

Genommen!

Weil sie wegen der Hochzeit protestantisch werden wollte, gab es viel Wut im kirchlichen Italien, wo sie herstammt.

Ihr Vater aber war wütend darüber geworden, dass das italienische Pack ihn hindern wollte, seine Tochter zu geben, wem es ihm beliebt.

Die junge Gräfin hat ein sehr positives Verhältnis zu (Ehe-)Männern:

Die junge Gräfin kann sich gar nicht vorstellen, dass eine Frau ihren Mann nicht lieben könnte.

Ihren eigenen hält sie für einen wahren Edelmann. Sie liebt ihren Henrik also, auch wenn die Leute ein etwas weniger liebenswertes Bild von ihm haben .

Graf Henrik ist nicht schön, er ist ebenso hässlich wie dumm. Man sagt, dass der Kopf, der auf seinem dünnen Hals sitzt, sich schon seit ein paar Jahrhunderten in der Familie vererbt habe (...). Den Kopf haben gewiss schon sein Vater und sein Großvater in Gebrauch gehabt.

Dann lernt die junge Gräfin Gösta Berling kennen, den alle "den Poeten" nennen, obwohl er nie ein Gedicht geschrieben hat. Aber er ist groß und blond, wird stets wie ein König geschildert. 

Allerdings läuft diese Begegnung nicht nett, sondern er entführt sie, weil er wütend ist auf sie und überhaupt auf alle Frauen, seit Marianne (die, die vor dem Elternhaus fast erfroren wäre) ihn verlassen hat, um zu den Eltern zurückzukehren.

Er möchte am liebsten jemand ein blutiges Unrecht zufügen und Jammer und Qual in weite Kreise verbreiten.

Das kommt aber alles nicht so schlimm. Stattdessen verliebt die Gräfin sich in ihn, er verliebt sich in die Gräfin. Das bleibt aber alles schicklich. Es gibt trotzdem Gerüchte. Aber sie sitzen nur zusammen und er liest ihr Gedichte vor.

Kein Mensch, der die beiden zusammen sieht, würde ihr eine unerlaubte Liebe zutrauen.

Sie kennt ihn nur als Hauslehrer, vom Rest seines Lebens hat sie keine Ahnung. Als sie das rausbekommt, auch dass bereits eine Dohna wegen ihm gestorben ist, vollzieht sie den Bruch. Sie beschimpft ihn und schmeißt ihn raus.

Natürlich weint sie nachts um ihn. Ihre Schwiegermutter behandelt sie schlecht. Ihr ältlicher Graf ist nix im Vergleich zu Gösta. Aber so ist es halt nun.

Als ihr jedoch zu Ohren kommt, dass Gösta sich verloben will und dann noch mit einem "Besenfräulein", da wird sie fuchtig. Bei Nacht und Nebel bricht sie auf über das Eis, um ihn davor zu bewahren, das Falsche zu tun.

Elisabet tut eine große Tat, die völlig irre ist, aber

Nun ist der Weg des Poeten ganz mit Blumen bestreut; alles Finstere, alles Böse, aller Haß verschwindet aus seinem Herzen.

So läuft das also, sein Leben, seine Ehre, seinen Ruf, seine Gesundheit muss man aufs Spiel setzen, wenn man einen armen Verlorenen wieder auf die richtige Spur zurücksetzen will. Frauen voller Tatkraft!

Selma Lagerlöf schreibt dazu an Sophie:

Inzwischen weiß ich sehr gut, warum ich (...) die Gräfin Dohna im Dunkel der Nacht über das Eis gehen ließ. Ich frage mich immer, warum ich Leute so unmögliche Dinge tun lasse, aber es ist ganz einfach so, dass ich selbst so bin. Schwebt der Mensch, den ich liebe, in Gefahr werde ich vollkommen wahnsinnig. Wenn du also schreibst, dass dich der Expresszug an einen Ort bringt, wo du nicht hinwillst (...). Ich könnte den ganzen Zug verunglücken lassen, um dich zu retten.*


* Die Zitate sind entnommen aus meinem Rezensionsexemplar Selma Lagerlöf: Liebe Sophie Liebe Valborg. Eine Dreiecksgeschichte in Briefen. Herausgegeben und kommentiert von Holger Wolandt. Aus dem Schwedischen übersetzt von Lotta Rüegger und Holger Wolandt. Stuttgart, Verlag Urachhaus, 2016.