Sebastian Heinzel: Der Krieg in mir

13.06.2020

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Kamphausen Media GmbH

€ 15,00 [D] inkl. Mwst.

Softcover
ISBN: 9783958832800
Erschienen: 10.02.2020


Meine digitale Ausgabe habe ich über Netgalley.DE erhalten. Das Buch ist Teil der diesjährigen #Netgalley-Challenge unter dem Titel "Bücherliebe für alle!".



Es gibt einen Teil der Biologie, der sich Epigenetik nennt. Sehr verkürzt gesagt, versteht man darunter die Vererbung veränderter Genfunktionen ohne eigentliche Änderung der DNA-Sequenz. Es geht um das Bindeglied zwischen Umwelteinflüssen und Genen: Unter welchen Umständen wird welches Gen angeschaltet, und wann wird es wieder stumm? Genregulation heißt das Stichwort dazu.

Im richtigen Leben angewendet bedeutet diese Frage: Wenn die Vorfahren seelische Qualen durchlitten haben: Angst, Hunger, Schrecken, Entbehrung, kann es dann sein, dass diese sich im Erbgut biologisch fortgepflanzt haben und als (psychische) Störung bei der Generation der Nachkommen wieder auftauchen? Gibt es so etwas wie ein transgenerationales Trauma?

Beim Journalisten Sebastian Heinzel, Jahrgang 1979, ist die Welt eigentlich in Ordnung. Er ist verheiratet, erfolgreicher Dokumentarfilmer, spannenderweise besonders von Projekten, die in Weißrussland angesiedelt sind. Er hat zwei gesunde Kinder. Aber seit er Mitte zwanzig ist, hat er diesen wiederkehrenden Alptraum:

Ich sitze auf einem Panzer im nebligen Wald und schieße um mich, ohne zu sehen wohin.

Sebastian Heinzel hatte den Wehrdienst verweigert. Er hat niemals in einem Panzer gesessen, niemals ein Gewehr in der Hand gehabt.

Seine Großväter aber hatten eine Kriegs- und Verwundungsgeschichte zu bewältigen. Sebastian Heinzel hatte zu beiden ein unterschiedliches Verhältnis. Bei Opa Fritz wuchs er auf. Opa Hans dagegen wurde höchstens an den Wochenenden besucht. Opa Fritz war Maschinengewehr-Schütze an vorderster Front gewesen und ließ sich gerne vom Jungen löchern: Opa erzähl mir vom Krieg. 

Von Opa Hans gibt es vor allem ein Foto, das ihn in Uniform als Soldat der Luftwaffe zeigt. Doch von ihm erfuhr Sebastian nichts über den Krieg. In der Familie des Vaters lastet ein übergroßes Schweigen auf dem Thema. Der Vater fürchtet sein Leben hindurch, dass Hans an Kriegsverbrechen beteiligt war. 

Deshalb vermutet auch Sebastian Heinzel hier die Quelle für seinen Traum, der selbst zum Trauma geworden ist. Er begibt sich auf Spurensuche. Diese beginnt bei Sabine Bode, die mit ihrem Buch Die vergessene Generation eigentlich das Leid der zwischen 1930 und 1945 geborenen Deutschen aufzeigen wollte, vor allem aber eine überraschende Riesenreaktion bei den Kindern von diesen, also den im Frieden und Wohlstand aufgewachsenen Kriegsenkeln bewirkt hatte.

Die Suche geht weiter bei Prof. Isabelle Mansuy, die in Zürich mit Mäusen und Menschen an Fragen der Epigenetik arbeitet. Nicht nur im Mausmodell lässt sich zeigen, dass Verhaltensänderungen bis zu den Enkeln manifestiert sind.

Heinzel trifft auch den Traumatherapeuten Dr. Peter A. Levine und nimmt teil am Kurs Globales Trauma. Er lernt dort, was Trauma ist:

 gebundene, eingefrorene Energie (...)  dort wo das Leben eigentlich fließen und pulsieren will. 

Um das aufzulösen, müssen der Mensch und sein Leben quasi auseinandergenommen und neu zusammengesetzt werden. Sebastian Heinzel wird sich diesem schwierigen Prozess, der einer Neugeburt gleicht, mit allen persönlichen Konsequenzen aussetzen.

Opa Hans gerät in dieser Zeit ins Blickfeld. Vater und Sohn beschließen, der Kriegsspur des Großvaters auf den Grund zu gehen. Reisen führen nach Weißrussland, wo beide auch mit Opfern der ersten Generation ins Gespräch kommen. Einige von ihnen können verzeihen, andere nicht. Dörfer in Weißrussland wurden während des Kriegs zwei, drei oder sogar viermal verheert. Jeder dort hat Verwandte verloren.

Die eigenartigste Spielart von Verarbeitung in Belarus ist dabei vielleicht die Stalin Line, eine Art interaktives Freilichtkriegsmuseum, 25 km von Minsk entfernt. Es bietet die Möglichkeit, Militärpanzer zu fahren, aus echten Militärwaffen zu schießen, einmal den Großen Vaterländischen Krieg aus Sicht der Sieger nachzuspielen - in einer Uniform nach Wahl. Für Sebastian Heinzel ist es die deutsche Uniform des Großvaters, die ihm hier Erlebnisse der besonderen Art beschert. Das ist sicher der skurrilste Teil des Buches.

Doch letztlich erweisen sich diese Reisen für Sebastian als eher unbrauchbar zur Verarbeitung des Problems. Vor allem sein Vater lernt auf dieser Tour aber, das Bild von seinem Vater zu revidieren und die damit verbundenen Lasten fallenzulassen. Sein Trauma ist leichter zu erklären und deshalb auch leichter zu heilen.

Bei Sebastian wird klar, es ist wohl nicht Opa Hans, an dessen Erbe er so schwer trägt. Dann sind es wohl doch die Geschichten und Gefühle von Opa Fritz, die die Verstörungen auslösten?

Der Traumatherapeut André Jacomet sagt im Buch, dass heute drei Viertel der Fälle in seiner Praxis transgenerationale Themen sind. Millionen von Menschen in unserer Gesellschaft seien davon betroffen. Trauma ist unerwünschter Teil des Lebens geworden. 

Doch nichts lässt sich mehr ändern an den Verbrechen, die begangen wurden. Die Menschen, die den Krieg, die Heimatlosigkeit, die Schuld und Verlorenheit der Nachkriegszeit erlebt haben, waren und sind traumatisiert. In der Regel haben sie erfolgreich verdrängt, das Trauma unter ungeheurem Arbeitseifer begraben. Der geleistete Wiederaufbau war beredter Zeuge des gesammelten Schweigens.

Woran die Kriegsenkel, die sich fragen müssen, warum Körper und Geist bei ihnen streiken, obwohl doch so viel darauf verwandt wurde, dass es ihnen einmal besser gehen soll, nun arbeiten können, ist an der Traumaheilung, einer Art Rückverbindung. Etwas, das damals und dort den Vorfahren zu viel, zu schnell, zu überwältigend war, kann heute im Hier und Jetzt neu verhandelt werden und neu eingewebt ins eigene Bewusstsein. Es braucht dazu heute den freundlichen, wohlwollenden, verstehenden Blick zurück. Den Generationen vor uns verdanken wir nicht nur unsere Alpträume, sondern unser Leben, sie haben auch positive Qualitäten und Ressourcen in uns angelegt: solche wie Fleiß, Humor, Optimismus und die Kraft, Krisen zu überwinden.

Wie klappte das bei Sebastian Heinzel? Nachdem er auch noch mit der Tiefenpsychologin Verena Kast gearbeitet hat, betrachtet er die Beziehungen zu seinen Leuten neu, setzt neue Prioritäten. Und schafft damit den Weg hinaus aus dem Wald und vielleicht auch aus dem Panzer, aus dem Traum. Sechs Jahre lang musste dieser Weg von ihm beschritten werden.

Das Buch Der Krieg in mir, zu dem es natürlich auch den entsprechenden Film gibt, ist eine dringende Empfehlung an unsere, an meine angstgeplagte Generation, sich auseinanderzusetzen, anstatt in der Angst zu verharren. Viele Möglichkeiten hierzu werden im Buch exemplarisch dargestellt, auch wenn es sich nicht um Ratgeberliteratur handelt. 

Unbedingte Lese- und Anguckempfehlung!