#21für21: 2 Ray Bradbury | Fahrenheit 451 (2020)

15.02.2021

Werbung | unbezahlt | unaufgefordert

Aus dem Amerikanischen von Peter Torberg, erschienen 2020 bei Diogenes Verlag AG Zürich.
ISBN eBook 978--3-257-61137-3, ca. 21 gut angelegte Euro.

Zugegeben! Ich habe einen blinden Fleck, was die großen amerikanischen Erzähler betrifft! Ich hab vieles einfach noch nicht gelesen - also auch noch einiges vor. Eine besonders gute Gelegenheit, Verpasstes nachzuholen, bietet sich ja immer dann, wenn solche Klassiker neu herausgegeben, vielleicht sogar neu übersetzt werden.

Dankenswerterweise hatte der Übersetzer Peter Torberg* dem Schweizer Diogenes Verlag vorgeschlagen, Fahrenheit 451 von Ray Bradbury doch mal in neuer Übersetzung herauszubringen. Gefragt  - getan, seit dem vergangenen Sommer gibt es nun die Neuausgabe.

Bradbury soll den Roman, der 1953 erstmals erschien, in nur neun Tagen herunter geschrieben haben. Toberg hat für die Neuübersetzung vermutlich deutlich länger gebraucht. Ich kann sie nicht mit der alten Übersetzung von Fritz  Güttinger vergleichen, find sie aber frisch und sehr gut lesbar, mit teilweise herzerwärmend schönen Wendungen.

Fahrenheit 451 (eine Temperaturangabe, in Celcius gemessen sind das 232 Grad, dann brennt Papier) ist eigentlich eine Dystopie. 1953, als Bradbury den Roman schrieb, muss ihm das 21. Jahrhundert unter den Erfahrungen des 2. Weltkriegs ebenso bedrohlich nah wie unendlich weit entfernt vorgekommen sein. Eine genaue Zeitangabe, wann der Roman spielt, gibt es nicht, aber eine Näherung:

Warum will niemand darüber reden? Wir haben seit 2022 zwei Atomkriege angezettelt und gewonnen. Haben wir die Welt vergessen, weil wir daheim so viel Spaß haben?

Im Jahr 2021 angekommen, kann ich nur hoffend davon ausgehen, dass diese Idee in den nächsten Jahr nicht verwirklicht werden wird. ich kann aber gleichzeitig nicht anders, als diesen Roman mit Bezug auf einen (hoffentlich) untergegangenen Herrscher unserer Tage zu lesen. Das (in diesem Fall nachträglich durchgeführte) Impeachmentverfahren ist gescheitert, der nach ihm benannte Politikstil hat aber vielleicht Bestand; sein erneutes Eingreifen in die Politik ist nicht ausgeschlossen. So wird der Roman für  mich Mahnung und Warnung zugleich.

Worum nun geht es im Buch? Das ist kurz erzählt:

In der Zukunft hat sich die Welt nicht nur für Bibliophile auf das Grausamste verändert: Das Besitzen und Lesen von Büchern ist verboten. Und nicht nur das - entsprechende und verwandte Lehrstühle an Universitäten sind ebenso unbesetzt, wie Bibliotheken geschlossen. Mit den Büchern verschwand alles, was bunt und schön, nachdenklich und kritisch genannt werden darf. Stattdessen findet eine umfassende Überwachung der Bürgerinnen und Bürger statt.

Dafür, dass das Bücherverbot auch eingehalten wird, sind neben den Bewachern die Feuermänner verantwortlich. Sie machen wichtige Arbeit, ihr Auftrag lautet:

Montag brennt Millay, Mittwoch Milton, Freitag Faulkner, verbrennt sie zu Asche, und verbrennt dann die Asche.

Der Romanheld, Guy Montag, ist so ein Feuermann. Wird ihm zugetragen, dass jemand ein Buch besitzt, macht er seinen Dienst. Er vernichtet Buch, Haus und den unglücklich-unbelehrbaren Buchbesitzer gleich mit.

Das macht Guy, bis er eine völlig verrückte junge Frau aus der Nachbarschaft trifft. So verrückt ist sie, dass sie annimmt, dass

früher Häuser aus Versehen in Brand gerieten und man Feuerwehrmänner brauchte, um die Flammen zu löschen.

Was solche Gedanken in Guy Montag bewirken - und welche Konsequenzen er daraus und aus dem Verschwinden des Mädchens zieht, erzählt der Roman bildgewaltig und einfallsreich. Alleine die Aufzählung der technischen Spielzeuge, die an die Stelle von Lesen und Nachdenken getreten sind, löst einen ziemlichen Grusel aus. Vor allem, wenn behauptet wird, dass die Menschen ihretwegen auf das Lesen verzichten. Sozusagen freiwillig. Wir hier im 21. Jahrhundert sind wohl nicht nur dicht dran an der Dystopie.

Ein sehr lesenswerter, trotz seiner Jahre sehr moderner Roman ist das, über die Kraft der Literatur. Ein Hohelied auf das freie Denken und die freie Meinung, aber auch auf den Trost, der in Büchern zu finden ist. Insbesondere ist der Roman aber auch ein Fanal gegen die Verächtlichmachung wissenschaftlicher Expertise.

Wer es noch nicht getan hat - und bevor es zu spät ist:

Unbedingt Lesen!


*Wer mehr zur Neuübersetzung wissen will, findet ein Interview mit Jürgen Torberg auf dem schönen Blog Kaffeehaussitzer von Uwe Kalkowski. Hier: https://kaffeehaussitzer.de/ray-bradbury-fahrenheit-451-interview-mit-peter-torberg/