Olga Tokarczuk: Der liebevolle Erzähler

08.05.2020

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OLGA TOKARCZUK

Der liebevolle Erzähler. Vorlesung zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur. Übersetzt aus dem Polnischen von Lisa Palmes 

144 Seiten | Gebunden

€ (D) 16,- | sFr 21,50 | € (A) 16,50 ISBN 978 3 311 10019 5 | Auch als E-Book lieferbar

Der Kampa Verlag hat mir das E-Book als Rezensionsexemplar geschenkt.


Ein Blick zurück  nach vorne:

Vor ein paar Tagen, genauer am 3. Mai, hatte das sozialwissenschaftliche Magazin Katapult aus Greifswald auf seiner Facebookseite daran erinnert, dass in Polen ein Nationalfeiertag begangen wurde. Wie ein solches Begehen in Pandemie-Zeiten dann auch immer aussehen mag. Die Polen leiden sehr unter dem Virus.

Gefeiert werden konnte in Polen die Einrichtung der ersten (schriftlich festgehaltenen!) demokratischen Verfassung Europas und der zweitältesten Verfassung der Welt. Am 3. Mai 1791 hatte Polen-Litauen ( auch die Rzeczpospolita) Prinzipien festgelegt wie Gewaltenteilung, Bürgerrechte und das demokratische Mehrheitsprinzip. Die politischen Privilegien des Adels wurden durch diese Verfassung stark beschränkt.

Außer der Pandemie gibt es aber weitere Wermutstropfen im Feiertagscocktail: Mit der Umsetzung dieser Verfassung sah es meistens düster aus. 

Das Magazin Katapult erinnerte:

Polen wurde insgesamt dreimal geteilt und verschwand ab 1795 für 123 Jahre von der Landkarte.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist der polnische "Tag der Verfassung" nun wieder offizieller Nationalfeiertag. Er erinnert nicht nur an die frühe demokratische Orientierung der Polen, sondern auch an den langen Unabhängigkeitskampf des Landes.


Nun konnte ich gar nicht anders - als an Olga Tokarczuk und ihr Mammutwerk "Die Jakobsbücher" zu denken. So plastisch wird die tragische Geschichte Polens dort dargestellt.

Vor einem Jahr hatte ich indes von dieser Autorin noch nie etwas gehört. Nur wenige konnten in Deutschland mit ihrem Namen etwas anfangen.

Immerhin 29 von dieses saßen am 9. Oktober 2019, der übrigens in Deutschland auch gut ein Feiertag hätte gewesen sein können, in der Stadtbibliothek in Potsdam und erwarteten dort die polnische Autorin zu einer Lesung aus eben dem ganz neu vorzustellenden Werk "Die Jakobsbücher". 

Olga Tokarczuk startete ihre Lesereise in Deutschland.

Am nächsten Tag, 10. Oktober 2019, das Ehepaar Tokarczuk-Fingas war im Auto auf dem Weg nach Bielefeld, der nächsten Station der Lesereise, nahm die Autorin auf dem Beifahrersitz einen Anruf entgegen. Er kam aus Stockholm, soviel war klar, der Rest unverständlich. Erst auf dem nächsten Rastplatz wurde deutlich, wer da angerufen hatte: Die Schwedische Akademie. Olga Tokarczuk war Literaturnobelpreisträgerin, nachträglich für das Jahr 2018 ausgezeichnet.

In Bielefeld lief dann der Empfang für die Autorin ganz anders ab als am Tag zuvor in Potsdam: Donnernder Applaus in der Stadtbibliothek, Feierstunde mit Honoratioren und dem Oberbürgermeister. Die ebenso überraschte wie bescheidene Autorin wird mit den Worten zitiert:

Ich wusste, dass ich keine allzu schlechte Schriftstellerin bin, aber so etwas habe ich nicht erwartet.

Ich finde es schön, dass der Kampa Verlag aus Zürich in dem Band "Der liebevolle Erzähler" die Vorlesung Olga Tokarczuks zur Preisverleihung und den Essay "Wie Übersetzer die Welt retten", um einen kurzen "Abriss der Ereignisse" am 10. Oktober 2019 ergänzt hat.

Diese Zeit scheint ja unendlich lange her zu sein. Inzwischen sind sämtliche Grenzen geschlossen, Olga Tokarczuk hatte zwar noch weitere Termine ihrer Lesereise in Deutschland wahrgenommen, auch die Frankfurter Buchmesse mit ihrer Anwesenheit bereichert. Aber viele geplante Veranstaltungen sind seither coronabedingt ausgefallen: LitCologne, Leipzig liest, Ruhrfestspiele Recklinghausen, überall hätte Olga Tokarczuk ihr Opus Magnum vorstellen sollen. Wie schade!

Der Autorin hat das Virusgeschehen aber möglicherweise gar nicht so viel ausgemacht.  Sie hatte nämlich bereits früh verkündet, dass sie sich ab Januar 2020 wieder vollständig aus jeder Öffentlichkeit zurückziehen wolle, um sich ihrem nächsten Romanmanuskript zuzuwenden.

Als Bestätigung dafür liest sich auch ein FAZ-Artikel vom 1. April 2020:

Ich hatte schon seit längerem zu viel Welt um mich herum. Zu viel, zu schnell, zu laut. Daher habe ich jetzt kein "Trauma der Isolation"; ich leide nicht darunter, dass ich mich nicht mit Menschen treffe. Ich bedauere nicht, dass die Kinos geschlossen sind, es ist mir gleichgültig, dass die Shopping-Malls außer Betrieb sind. Es sei denn, ich denke an all jene, die dort jetzt ihren Arbeitsplatz verloren haben. Als ich von der präventiven Quarantäne hörte, verspürte ich eine Art von Erleichterung, und ich weiß, dass viele ähnlich empfinden, auch wenn sie sich dessen schämen. So hat meine Introversion, die lange unter dem Diktat hyperaktiver Extrovertierter gelitten hatte, ja fast erstickt worden war, den Staub abgeschüttelt und ist aus dem Keller hervorgekommen.

Die Wartezeit bis zum neuen Buch kann man verkürzen, die ausgefallene Lesereise verschmerzen, indem man nun selbst eines ihrer (inzwischen in 50 Sprachen übesetzten) Werke liest.

Um sich darauf vorzubereiten und zu verstehen, worauf man sich da einlässt, kann die Lektüre von "Der liebevolle Erzähler" helfen.

Bei Olga Tokarczuk geht es immer darum, wie man unsere Gesellschaft erzählen kann. Sie möchte weg vom egoistischen Bauchnabel-Ich - eher wieder hin oder zurück zur allgemein gültigen Parabel. Sie schreibt an gegen den Gattungswahn, gegen den Literaturmarkt. Es sind Romane, die vieles gleichzeitig sein können: Lexikon, Geschichtsbuch, Krimi, Liebesgeschichte.

Die Autorin ist exzentrisch, nicht nur ihre Dreadlocks weisen darauf hin. Also sind auch ihre Erzähler*innen exzentrisch. Sie mag nicht die seichten, seriellen Erzählformate, die zum Binge-Reading einladen. 

Und sie sieht insgesamt den ungefilterten Informationsfluss unserer Tage kritisch:

Fest steht, dass wir heute in einer Welt des Informationsüberflusses leben - mit einander widerspiegelnden, einander ausschließenden Informationen, die einen Kampf mit Zähnen und Klauen gegeneinander führen.

Statt einer Demokratisierung des Wissens, so ihre These, ist es über das Internet zu einer Entzweiung der Menschen gekommen. Wir sind in Blasen eingeschlossen - unterschiedliche Narrative hauen aufeinander ein. Das hatte sie schon gesehen, lange bevor wir über das Virus zu genau dieser Information gelangt sind.

Immer häufiger ist das Internet eine Fabel, erzählt von einem Idioten, voll mit Schall und Wahn.

wandelt die Autorin das Shakespeare-Zitat ab.

Die Welt liegt im Sterben, doch nicht einmal das bemerken wir.

Olga Tokarczuk ist eine Autorin mit dem "liebevollen Blick". Für sie bedeutet das:

Ein anderes Sein anzunehmen und aufzunehmen, in seiner Zerbrechlichkeit, seiner Einzigartigkeit, seiner Wehrlosigkeit gegen Leiden und das Wirken der Zeit.

Das scheint zu sein, was wir am dringendsten brauchen, jetzt, gerade jetzt, wo der "Markt" wieder über die Unverletzlichkeit des Einzelnen zu siegen droht.

Gerade deswegen genau jetzt: Lesen Sie Olga Tokarczuk, fangen Sie gerne mit dem Bändchen zur Verleihung des Literaturnobelpreises an. Es lohnt sich. Und irgendwann kommt sie wieder auf Lesereise. Und dann wird sie überall tosender Beifall umfangen!