Norbert Scheuer: Winterbienen

30.08.2019

REZENSION: {Unbeauftragte Werbung}

Heute vor 80 Jahren begann mit dem Kampf um die Westerplatte der 2. Weltkrieg. Norbert Scheuer befasst sich in seinem Tagebuch-Roman mit dem letzten Jahr dieses Krieges. Sein Protagonist, Egidius Arimond, ist der Verfasser des Tagebuchs, das in lakonischer Sprache von diesem letzten Kriegsjahr und seinen besonderen Schrecken - gerade auch für die Zivilbevölkerung - berichtet. Er war Latein- und Geschichtslehrer; ein Außenseiter von jeher, denn er leidet an Epilepsie.
Seine Heimat ist die Eifel, das hat er mit dem Autor gemeinsam. Dorthin kam der Krieg erst spät. Zum Kriegsgebiet wurde die Eifel erst nach der Landung der alliierten Truppen in der Normandie - mit der Ardennenoffensive, der letzten Großen Schlacht des 2. Weltkriegs mit der verheerenden Zahl von 150.000 Opfern. Im Roman wird besonders die Schlacht im Hürtgenwald genannt; dieser Wald erhielt seinen Namen von den Amerikanern (to hurt - verletzen), die dort vernichtend geschlagen wurden. Dies allerdings nicht allein von der deutschen Wehrmacht. Den Weg über das Mittelgebirge zu nehmen, wurde zum militärstrategischen Desaster der Army. Die GI's in T-Shirts scheiterten außer an der dichten Bewaldung, die das Feuer zurückgab, auch mit den Panzern an den steilen und engen Wegen - und der Eiseskälte in der Eifel. In Deutschland kaum noch bekannt, wird die Schlacht in den USA bis heute als längste Schlacht der US-Army überhaupt in weiten Kreisen erinnert.

Egidius Arimond indes interessiert sich zunächst nur peripher für den Krieg, nämlich so weit er seinen Bruder betrifft, der sich bei der deutschen Luftwaffe direkt im Kampf befindet.
Wobei die fliegenden Geschwader auch in Egidius' Leben eine Rolle spielen: allerdings sind seine höchst natürlich und friedlich, wenn sie nicht gereizt werden, eben die Bienen.

Wir im 21. Jahrhundert Lebenden wissen nicht erst seit Greta, wie wichtig die Bienen für das Überleben der Menschheit sind. Aber ich glaube, die wenigsten wissen wirklich um das geheimnisvolle Leben der Bienen in ihren Magazinbeuten, ihre Verständigung durch Schwänzeltanz, ihren Arbeitsalltag, ihre Politik und um die Mühen, die es kostet, ihnen den Honig abzutrotzen. Kleinbauer und Imker Egidius Arimond weiß alles darüber, jedenfalls alles, was jemand 1944 darüber wissen kann und er vertraut es seinem Tagebuch an. Es gibt ein Glossar im Buch - und die geneigte Leserin, der interessierte Leser erhalten ein anständiges Grundwissen für den nächsten Plausch beim Imker ihres Vertrauens.

Egidius Arimond hat neben seiner Erkrankung eine weitere Schwäche, das sind die Frauen - und ihre Lockenwickler. Diese Schwachstelle, jedenfalls die für die Frauen, teilt er mit einem seiner Vorfahren, dem Benediktinermönch Ambrosius Arimond, den sie im Jahr 1492 auch teuer zu stehen kommt, weswegen er eine Imkerdynastie begründen wird.

Wie der kranke Egidius seine Medikamente finanziert, obwohl er ja wegen der Gesetze zur "Rassenhygiene" weder die Krankheit haben, noch Bürger im sogenannten Dritten Reich sein dürfte. Warum er soviel Wissen über seinen Vorfahren hat. Was es mit seinem Frauenlaster und den Lockenwicklern auf sich hat und natürlich, welche lebenserhaltende Rolle die Ortsbibliothek spielt, lest ihr in dem wunderbaren Roman "Winterbienen", der es dankenswerterweise auf die Longlist zum diesjährigen Buchpreis geschafft hat. Ich wünsche diesem sehr besonderen Buch viele Leser*innen und vergebe ausnahmsweise alle möglichen virtuellen Bienenkörbe.