Nora Bossong: Schutzzone

21.10.2019

REZENSION {Unbeauftragte Werbung}

Nora Bossong: Schutzzone

Wie schreibt man in Zeiten unserer neuen Weltordnung über die UNO? Die Vereinten Nationen waren gegründet worden, um die Welt zukünftig vor Gräueln, wir sie der zweite Weltkrieg über die Völker gebracht hatte, zu schützen. Es war das Entsetzen darüber, wie der Mensch dem Menschen ein Wolf sein kann, das zum "Ne jamais plus" - Nie wieder! führte.

Was hat sich daran seit dem 24. Oktober 1945, dem Gründungstag der UN, auf der Welt verändert? Ist die UNO tatsächlich nur noch ein zahnloser Tiger, weil sämtliche Resolutionen, die dem Menschen- und Völkerrecht dienen würden, von Russland und China torpediert werden? Ist sie ein Hort unverbesserlicher Träumer mit der Idee "Dem Recht des Stärkeren die Stärke des Rechts entgegenzuhalten"?. Das Problem ist, sagt Nora Bossong im Interview, dass die UN reformbedürftig sind, denn mit den Mitteln des 20. Jahrhunderts lassen sich die Krisen des 21. Jahrhunderts nicht ohne weiteres lösen. Aber die Menschen, die derzeit an der Macht sind, sind nicht in der Lage, eine bessere Institution zu erschaffen".

Mira, die "Heldin" des Romans ist kein Machtmensch, sie ist eine Person wie du und ich. Früh hat sie die Brüche von Beziehungen am eigenen Leib kennengelernt. Sie wurde, um die volle Wucht der elterlichen Trennung heil zu überstehen, in eine befreundete "Schutzzone verbracht". In der Bundesrepublik der 90er Jahre galt es noch was, Diplomat zu sein, sogar die Medien berichteten in Homestorys. Ihr kurzzeitiger Ersatzvater entstammt einer Diplomatendynastie, lebt mit Frau und Sohn Milan nicht in einem Haus, sondern in einer Villa. Er reist durch die Welt, in die Schweiz, nach New York und bis in Länder, deren Namen das Kind noch nie gehört hat. Er habe quasi schon dem deutschen Kaiser gedient. Den kennt das Kind, jedenfalls seine Frau "...Sissi ist in Genf ermordet worden, am Quai". Gut, kein Treffer, Österreich ist zum Glück nicht schon wieder einverleibt, aber dass das Kind sich für den Tod interessiert, bleibt im Raum stehen.

Als Mira kein Kind mehr ist, studiert sie Internationale Beziehungen und landet in New York, dort gelingt es ihr zufällig, einen Job tatsächlich bei der UN zu ergattern. Im Dunstkreis des Generalsekretärs. Es geht zunächst um das Verfassen von Berichten und Korrespondenzen, die dann ihren Weg durch die bürokratischen Ebenen nehmen. Das ist sehr trocken, und man vertreibt sich die Zeit damit, Worte in die Berichte einzuschleusen, die nicht dort hingehören und trotzdem möglichst bis zum obersten Vorgesetzten gelangen sollen. Doch bei der UN muss man nicht am Schreibtisch versauern, man kann in die Krisengebiete der Welt reisen, um für Wahrheit, Gerechtigkeit, Versöhnung und Frieden zu werben.

Bossong erzählt die Geschichte von Mira nicht chronologisch, die einzelnen Stationen muss der Leser selbst in der richtigen Reihenfolge zu einer Geschichte zusammensetzen.
Der Roman ist ein unendlicher, assoziativer Gedankenstrom, in dem Mira versucht, sich selbst in der Welt zu verorten. Sie ist kein Gutmensch, hat kein Helfersyndrom, eigentlich auch keine echten Interessen.

Wir erleben sie in Genf in der Jetztzeit, wo sie in Luxushotels vermittelt zwischen verfeindeten europäischen Staatschefs, wenigstens auf Zypern sollte die UN doch etwas erreichen, das würde ebenso zu ihrer eigenen Rettung beitragen. Es misslingt.

Wir begleiten Mira nach Ostafrika, ausgerechnet nach Burundi. Das ist eine der ehemaligen deutschen Kolonien, wo sie die Wahrheitskommission vorbereiten soll. Was ist aber die Wahrheit, wenn so etwas wie ein Genozid stattgefunden hat? Die Toten erzählen keine Geschichten mehr.
Ist es ein afrikanischer Genozid gewesen, wenn es doch die deutschen Kolonialisten in Ruanda-Urundi gewesen sind, die die Trennung zwischen Hutu und Tutsi erfunden haben? Sie haben. eine Volkszählung veranstaltet, bei der Tutsi war, wer mehr als 10 Rinder hatte, der Rest war Hutu. So haben die Kolonialmächte eine künstliche Elite geschaffen, was zu schrecklichen Auseinandersetzungen und Massakern geführt hat, und letztlich 1993 zu genozidähnlichen Massakern in Burundi führte und 1994 im Völkermord in Ruanda eskalierte, wo in 100 Tagen 75% der Hutu getötet wurden und die UN untätig blieb.

Die Autorin macht es sich und den Lesenden nicht leicht. Mira selbst wird immer mehr zur undurchschaubaren Figur, vergesslich wie die Täter, sie erscheint charakterlich nicht geeignet für ihre Aufgabe, bleibt nicht neutral. Einmal ganz davon abgesehen, dass sie die Grenzen, die die "Schutzzone Familie" zieht, nicht achtet. Das Opfer wird zur Täterin. Wie so oft

Die große Kunst von Nora Bossong besteht darin, die Zusammenhänge und Zerrissenheiten von Menschen, Beziehungen, Familien, Völkern und Welt in Sprache zu gießen. Das gelingt dort am besten, wo sie ihr Personal Geschichten erzählen oder Geschichten erleben lässt.

Wenn der Empfang beim Botschafter, deutscher Rheinmosel und Häppchen inklusive, dadurch unterbrochen wird, dass sich Personen schießend im Garten befinden (so ein Compound ist geschützt wie Fort Knox), dann könnte sich das genauso zu Kolonialzeiten abgespielt haben. Haben wir etwas damit zu tun? Sie haben doch von den Leichen gelesen, die im Fluss angespült wurden? Das ist doch etwas anderes, ethnische Konflikte".

Wenn die Menschen nicht einmal ihre zwischenmenschlichen Beziehungen auf die Reihe kriegen, wie soll das dann in der Welt klappen? Schwierig? Aber welche Alternative gibt es? Nora Bossong hat kein Patentrezept.

Trotzdem empfehle ich den Roman all denen, die wenigstens noch der Sprache trauen. Das Buch ist nicht einfach zu lesen, aber sehr lohnenswert, gerade wo wir uns wieder nicht recht trauen, einen Völkerrechtsbruch auch als solchen zu bezeichnen.