Milchmann im Lesenswert-Talk mit Denis Scheck

06.03.2020

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Ich hab jetzt etwa die Hälfte des Romans gelesen. Zufällig wurde gestern Abend im Fernsehen über MILCHMANN diskutiert. Denis Scheck sprach mit der Grande Dame des Literatur-Talks, Sigrid Löffler, mit dem Autor und Zeit-Literaturkritiker Ijoma Mangold und der Literaturkritikerin Insa Wilke über den Roman.

Die Sendung kann man in der Mediathek anzuschauen:

https://www.ardmediathek.de/swr/player/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzEyMDY4Mzk/lesenswert-mit-denis-scheck

Alle vier Diskutant*innen waren begeistert und der Meinung, dass man in diesem Frühjahr noch viel vom Roman hören wird.

Etwas irritiert war ich darüber, dass sie den Roman übereinstimmend sehr witzig fanden. Die Witzigkeit muss dann eher in der zweiten Hälfte kommen, denn ich fand das Geschilderte bis jetzt ganz schön traurig.

Sehr bemerkenswert und als großes Lob empfand ich den Vergleich von Milchmann mit den großen Dystonie-Klassikern von Aldous Huxley und George Orwell.

Dass die Nordirland-Komponente vom Quartett etwas klein gehalten wurde, mag mit der jeweiligen Beziehung zu Großbritannien zusammenhängen. Ich persönlich kann die Komponenten "Bentley" und "James Bond" zunächst mal keinem anderen (Bürgerkriegs)Land zuordnen. Aber so liest eben auch jeder seinen eigenen Roman.

Und es kann ja auch sehr gut sein, dass in der zweiten Hälfte des Romans der Bogen deutlich weiter gespannt wird.

Genau in der Hälfte des Roman geht es dann auch um die angesprochene Fragen von Me-too und Feminismus.

Die Hauptperson wird verfolgt, gestalkt von einem viel älteren Mann, der als "Milchmann" bezeichnet wird. Und die unsäglichen Gerüchte im Ort behaupten, sie habe ein Verhältnis mit dem Mann. Und sie ist von der ganzen Situation komplett überfordert, hat aber für das alles, was da mit ihr passiert,  auch keine Worte:

Warum das so ist, kann sie erst 20 Jahre später auflösen:

weil ich achtzehn war und nie vorgelebt bekommen hatte, wie man Gedanken, Bedürfnisse und Gefühle auf gesunde Weise zum Ausdruck brachte (...).

Ihr Vielleicht-Freund, um den sie auch Angst hat, weil der "Milchmann" sein Leben zu bedrohen scheint, ist nicht der richtige Ansprechpartner. Er geht sehr cool und pragmatisch mit der gefährlichen Umgebung um:

Außerdem Vielleicht-Freundin, kannst du doch nicht aufhören, dein Leben zu leben, nur weil dich irgendwann irgendwer umbringen könnte.

Da hätte jetzt vielleicht die Frauenbewegung eine Hilfe sein können. Doch schon die Etablierung bereitet große Probleme. Das Thema wird von Presse und Kirche direkt in die Ecke von "Lasterhaftigkeit, Dekadenz und Sittenverfall" eingeordnet. Ein öffentlicher Raum kann nicht gefunden werden.

Ein privater Raum wird dann zur Verfügung gestellt, auch von einem Mann - unter strengster Geheimhaltung seiner persönlichen Daten -  technisch in Ordnung gebracht. Aber es gibt viel Stress für die wenigen Frauen, die sich dort einfinden. Und es endet aus verschiedenen Gründen damit, dass die "traditionellen Frauen" den "Themenfrauen" diese Treffen dort schlicht verbieten:

Die Ich-Erzählerin resigniert:

Die achte Frau fügte sich, und damit hatte es ein Ende mit den Themenfrauen von außerhalb, die mit ihrer offenen Weltsicht in unsere Enklave kamen(...) und die Tatsache, dass unsere sieben Frauen es sich nicht nur mit unseren Traditionellen, sondern auch mit unseren Verweigerern verscherzt hatten - waren der Grund dafür, dass ich mich von diesen Frauen fern hielt.