Matthias Politycki: Das kann uns keiner nehmen

25.05.2020

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Der Tscharli ist schon da - als der Hans hinkommt. Der Tscharli ist Bauingenieur, ein Gstudierter auch wenn man da nicht sofort drauf kommt. Ein Quartalssäufer. Der Hans, irgendwann vom Tscharli nur noch liebevoll Hansi genannt,  ist ein  Autor ohne Roman, kurz vorm Rausschmiss beim Verlag. Der Tscharli ist entweder ein Linker oder ein Rechter, das lässt sich bis zum Schluss nicht ermitteln. Der Hans, ein gelernter Hanseat, ist ein Intellektueller, stets political correct. Beide sind in Afrika unterwegs, weil sie außer sich selbst keinen Menschen mehr haben.

Der Hans möchte nach 25 Jahren die Sache mit der Mara und dem ruandischen Berg abschließend für sich klären. Helfen soll dabei der tansanische Kibo, der Uhuro Peak - der Kilimandscharo. Es geht ums Rauf, vor allem aber ums Rein. Rund um den Kilimandscharo hat sich eine Eventkultur entwickelt, doch eine Nacht im Kibo-Krater zu schlafen, das macht sonst keiner. Dann dem Krater die Geschichte mit der Mara anvertrauen - und endlich wieder unbeschwert losleben können.

Aber dort im Krater, da lauert schon der Tscharli.

Diese Ur-Bayerische Nervensäge mit roter Jacke, rosa Hemd, Hosenträgern, silbergrauem Pferdeschwanz, orangener Brille, sagenhaftem Feuerzeug und unglaublich großer Klappe. Der Tscharli, das muss gesagt sein, ist auch nicht sehr erbaut von dem Hornbrillenwürschtl, das da unglücklicherweise auf einem Schneebrett zu ihm in die Tiefe gerauscht kommt.

Dieser Roman ist eine Warnung vor den Vorurteilen. Das gilt für Menschen, für Länder, für Hilfsmaßnahmen, für Kontinente sowieso.

Der Hans hasst den Tscharli vom ersten Moment an. Aber ohne den Tscharli würde er keine Woche in Afrika überleben. Der Tscharli wird ihn zum Mann machen. Hans wird My brother from another mother. Beide werden später gar im Partnerlook auftreten, farbige Windeln um die Glatzen geschlungen. Not macht ja bekanntlich erfinderisch.

Matthias Politycki, das kann man nachlesen, ist viel auf Reisen gewesen. Auch in Afrika. Die Grundlage des Romans bildet deshalb  Erlebtes, auch Überlebtes, über das man jetzt auch mal leise lachen darf. Und komisch ist das, was der Hans und der Tscharli auf ihrem irrsinnigen Roadtrip durch Afrika so verzapfen. Aber auch allerhand spätpubertäres Machotum. 

Das wäre eigentlich schwer zu ertragen. Aber über allem schweben das Wissen um die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers und die Tatsache, dass diese beiden Männer Schiss haben - im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Und das macht diesen Männerroman dann doch besonders. Und auch besonders empfehlenswert.

Es handelt sich nicht um große Literatur, das wird schon vom Spaß-Suaheli des Tscharli verhindert. Aber es ist ein sehr solides Stück Unterhaltung mit dem richtigen (und nötigen) Schuss Tragik und einer Menge Aha-Effekte.

Ich habe das Hörbuch gehört - und es hat ein bisschen gedauert, bis ich die richtige Atmosphäre draufhatte. Denn das Hörbuch liest Wolfram Koch - und den verbinde ich eigentlich mit Krimis. Aber je länger ich reinhörte, desto mehr wuchsen sie mir ans Herz - der Tscharli und der Hansi - und die wichtigste Erkenntnis des Romans: 

Nur zum Stolpern sind wir da.