Male Oscuro: Darf man das?

17.06.2020

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Male Oscuro ist ja der Auftakt zur fulminant geplanten und auf insgesamt dreißig Einzelbände angelegten Werkausgabe von Ingeborg Bachmann, die der Suhrkamp-Verlag zusammen mit Piper stemmen wird. Gesamtausgabe meint hier Prosa, Gedichte, Essays, Hörspiele Libretti sowie die umfangreiche Korrespondenz der Autorin. Der Band ist nun auch als Taschenbuchausgabe erhältlich.

Male Oscuro - dieser Titel bezieht sich auf den in den sechziger Jahren erschienenen Roman von Giuseppe Berto. Es handelt sich um die Odyssee eines Mannes, der sein Leben lang von einem Arzt zum anderen irrt. Ingeborg Bachmann erklärte dazu, es sei dieser Roman gewesen, der sie ermutigt habe, die eigene Krankheit zum Thema zu machen, auch wenn sie sich eigentlich nicht für die Dichtung eignet. Denn

Nichts ist poetisch an Krankheit, und die großen Kranken von Dostojewski bis Sylvia Plath wissen es, die Krankheit ist das schlechthin Entsetzliche, es ist etwas mit tödlichem Ausgang.

Die Frage an Suhrkamp, die Frage an Piper ist also: Darf man das? Darf man etwas so Privates wie den Briefwechsel einer kranken Person mit ihrem Therapeuten veröffentlichen?

Ich möchte das Briefgeheimnis wahren. Aber ich möchte auch etwas hinterlassen.

So lautete der Wunsch von Ingeborg Bachmann - und genau an dieser Bruchkante entlang hangeln sich die Herausgeberinnen Isolde Schiffermüller und Gabriella Pelloni.  Die Folge ist ein sehr (beinahe zu) umfangreicher Apparat von Anmerkungen, Fußnoten, Editorischen Notizen, Vorbemerkungen und Berichten, die die sehr persönlichen Texte der Autorin begleiten. Die Leserin, der Leser kann sich so auf eigene Faust ein Bild machen von der Seelenlage der Autorin - oder sich von den Editorinnen begleiten lassen.

Dass es in Male Oscuro an jeder Stelle ganz selbstverständlich zuerst um die Autorin geht und erst in zweiter Linie um den Menschen Ingeborg Bachmann, merkt man jedem einzelnen Satz des sorgfältig ausgewählten Konvoluts an.

Der Arzt sagt: Bitte notieren Sie Ihren Traum. Die Patientin Bachmann notiert eine Prosaminiatur:

Dann Skifahren. Ich fahre Ski auf einem geschriebenen Satz, der von größter Wichtigkeit für mich ist. (...) Eine ältere Frau, eine Wahrsagerin, leitet das Skifahren. Ein Brief, ganz klein geschrieben, betrifft den 11. des Monats und hat etwas mit einem Kind zu tun, mit einer Warnung, er wird mehrfach zusammengefaltet und verschlossen, ist auch voll von einer Wahrsagung.

Insbesondere der Literaturwissenschaftliche Kommentar bringt dann auch die sehr persönlichen Schriftstücke in unmittelbaren Zusammenhang zum Prosawerk der Autorin. Viele von den Traumnotaten sind eingegangen zum Beispiel in das Traumkapitel von Malina. Es ist deshalb durchaus von Nutzen, den Roman parallel mitzulesen. Vor allem dann, wenn man der ungewöhnlich verschlossenen Autorin auch über ihr Werk näher kommen will.

Persönlich haben mich die Schilderungen der Krankheit und die Bemühungen, erklärende Worte dafür zu finden, sehr bewegt. Zu den Zeiten als die Bachmann krank war an Körper und Seele, da galten die Ärzte noch als Halbgötter in Weiß, deren Urteil hingenommen werden musste, kostete es Seele oder Leib. Die Patientin aber litt alleine, litt zu Hause. 

Der Chronikerin 2020 (ich) ist nur zu bekannt, was die Chronikerin (Ingeborg Bachmann) 1965 notierte:

Nachts lange gelesen, dann eingeschlafen gegen 6:00 Uhr früh, gegen 11:00 Uhr aufgewacht, dann 3 Stunden gebraucht, bis ich angezogen bin das Letztere nur mit der größten Willensanstrengung.

Es ist unglaublich schwierig, den Gesunden Krankheit zu erklären, selbst dann, wenn die Worte sich eigentlich sonst geschmeidig zu fügen pflegen, wie es bei Lyrikerinnen der Fall ist:

Es ist nicht möglich, etwas von dem klarzumachen, woran man krankt, es hängt aber vor allem damit zusammen, daß rundherum alle Leute keine Ahnung von einer derartigen Krankheit haben (ich hatte zuvor ja auch keine), zum Beispiel meint sicher jeder, was ich jetzt schon zum zweiten Mal gefragt werde: ob es nicht eine Sache des Willens sei.

Es ist keine Frage des Willens. Chronisch kranke, schmerzgeplagte, panikgeschüttelte Menschen erleben immer wieder Momente, wie sie Ingeborg Bachmann beschreibt:

(...) das Furchtbare ist wieder dagewesen, ich war in diesem Augenblick bereit, sofort ein Taxi rufen zu lassen, in die Klinik nach Spandau zu fahren. Jetzt, wo es vorbei ist, überlege ich wieder, weiß wieder, dass ich nicht in die Klinik will, dass ich noch einen Versuch machen möchte, mit Schwimmen, viel Luft, viel Radfahren, ich will morgen anfangen in einer schmerzfreien Stunde.

An diesem Wochenende wird in Klagenfurt der Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen. Diese 44. Tage der deutschsprachigen Literatur hätten coronabedingt fast gar nicht stattfinden können. Nun sind sie als digital ausgetragene Veranstaltung doch möglich. Genau dieses darf nun  verstanden werden als Fanal gegen Resignation und Hoffnungslosigkeit, wie die entsprechende Website verkündet:

Ein wichtiges Signal ist der Bewerb für die 14 Autorinnen und Autoren, so Landeskulturreferent Peter Kaiser (SPÖ). Er sagte, in der Pandemie brauche es deutliche Signale, sich den Herausforderungen nach besten Kräften zu stellen, um nicht in Resignation und Hoffnungslosigkeit zu versinken. "Die Entscheidung, den 44. Bachmannpreis durchzuführen und den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt eine virtuelle Bühne zu bieten ist zweifellos ein solches Zeichen."

Wer sich in diesem speziellen Zusammenhang für die Namensgeberin des Preises interessiert, tut keinen schlechten Griff, wenn er sich mit Male Oscuro auf besondere Weise dieser außergewöhnlichen Dichterin und ihrem Werk nähert. Das ist durchaus eine schmerzhafte Art, aber eine solche Erfahrung lässt sich im Leben ohnehin nicht dauerhaft verhindern.