Literaturnobelpreisträgerin 2004 | Elfriede Jelinek

12.04.2021

Wer ist eigentlich Elfriede Jelinek - also abseits der berüchtigten Medien, die sie gerne skandalisieren und ihren Namen dann auch mal auf "Dreck" reimen, habe ich mich gefragt. Ich habe noch keinen ihrer Texte gelesen - und keine Theateraufführung gesehen. 

Zum Einstieg habe ich  aus der Bibliothek zwei Bände geliehen. Beide sind  bei Rowohlt erschienen. Eines ist das Theaterstück "Winterreise" - ich dachte, da komme ich etwas leichter in die Materie, weil das Stück einen Zusammenhang hat mit Schuberts Winterreise, also dem Text von Wilhelm Müller. 

Dazu kann man lesen, dass Schubert den Text in einer  Zeitschrift gefunden hat, die zu der Zeit im österreichischen Polizei- und Überwachungsstaat verboten war. Das hat ihn gar nicht gekümmert, er hat trotzdem 1827 Musik dazu komponiert. Worum geht's?

Schemenhaft, aber  singend, wandert einer durch eine düstere  Winterlandschaft. Er ist ein heimatloser Fremder,  vielleicht unglücklich verliebt. Er muss immer ziellos weiterziehen und bleibt allein. Er ist ein Suchender, aber bereit, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh' ich wieder aus.

Bei Jelinek wechselt die Perspektive:

Die einen weisen ab, die anderen weisen an. Diese Anweisung weist nichts aus, nicht, woher sie kam, nicht wohin sie geht. Nur der Ausweis weist aus, wir weisen niemanden aus, das wäre ja noch schöner. Wir gönnen jedem Menschen etwas. Wir füllen Anweisungen aus, wir weisen Weisungen vor, wir weisen Menschen ein, die eigentlich ausgewiesen werden müßten. Wir pfeifen den armen Flüchtling noch aus.

Was mir bei ihr als erstes auffällt: Diese Autorin traut der Sprache nicht. Zu viele Fallen sind es wohl, die sie ausmacht, weil jedes Wort zu viele Bedeutungen hat. Das assoziative Spiel mit der Sprache ist Jelinek-Stil, das ist klar.

Der zweite Band, den ich ausgeliehen habe, ist Schwarzwasser | Am Königsweg. Ich interessiere mich für Schwarzwasser. Das ist das Stück, das Jelinek zur Ibiza-Affäre geschrieben hat. 

Es wurde im Februar 2020 am Akademietheater des Burgtheaters in Wien uraufgeführt. 

Zur Aufführung hat Jelinek einige Anmerkungen gemacht - und die haben mich elektrisiert, wo sie sich selbst erklärt:

Ich spreche privat nur sehr wenig, weil ich selten unter Menschen gehe. So leihe ich mir mein Sprechen durch den Mund des Schauspielers, der Schauspielerin, vielleicht auch damit endlich wichtig wird, was ich sage. Es ist vielleicht eine Art Bittleihe. Ich kann daraus keinerlei Ansprüche ableiten, und was ich sage, das kann vom Publikum auch jederzeit widerrufen werden. Doch da die Rezeption eben kollektiv ist, kommt der einzelne mit seiner Ablehnung oder Zustimmung nicht an mich heran. Ich weiß nicht, was das Publikum denkt. Es hört aber, was ich denke.

Schwarzwasser wurde übrigens bereits ausgezeichnet, nämlich mit dem Nestroy 2020. Elfriede Jelinek gewann den Autorenpreis für das beste Stück. Ihr Understatement, ihr Gefühl, nicht zu genügen, bekomme ich noch nicht zusammen mit der Flut an Auszeichnungen, die sie erhalten hat.

Hier gibts die Informationen zum Stück in Gänze.

Es war eine wilde Sache, wie der Trailer zeigt: