Literaturnobelpreis 1996 | Wisława Szymborska

27.02.2021

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Die Schwedische Akademie
Der Ständige Sekretär

Pressemitteilung
3. Oktober 1996

Der Nobelpreis für Literatur 1996

"für eine Poesie, die mit ironischer Präzision den historischen und biologischen Zusammenhang in Fragmenten menschlicher Wirklichkeit hervortreten läßt"

Die polnische Poetin und Kritikerin Wislawa Szymborska ist 73 Jahre alt und wohnt in Krakau.

Seit 1957 - als die Zensur nach dem Tauwetter im Jahr zuvor ihre feste Hand lockern mußte - hat sie eine einziffrige Anzahl schmaler, aber gewichtiger Gedichtsammlungen, ein paar Bände Buchbesprechungen und eine Reihe sehr gut aufgenommener Übersetzungen älterer französischer Poesie veröffentlicht. Von ihrer ersten Sammlung, mit der sie 1952 debütierte, und der darauf folgenden von 1954 - beide waren sozialrealistische Anpassungsversuche - hat sie sich distanziert.

(Aus der Pressemitteilung zum Literaturnobelpreis 1996)

 Die Szymborska  im Jahr 2009   Foto: Mariusz Kubik 



Die zwei Affen von Breughel

So sieht er aus, mein großer Traum von der Reifeprüfung:

Im Fenster sitzen zwei angekettete Affen,

draußen segelt der Himmel

und badet das Meer.

Ich werde in Menschheitsgeschichte geprüft.

Ich stottere und ich stocke.

Der eine Affe hört mir ironisch zu, begafft mich stier,

der andere tut, als schlummerte er -

erst als die Frage fällt, das Schweigen beginnt,

sagt er mir vor

unter leisem Kettengeklirr.


Wisława Szymborska (aus: Rufe an Yeti, 1957)

Wisława Szymborska | Ihr Leben

Wisława Szymborska wurde am 2. Juli 1923 in Bnin (heute Kórnik, Polen) geboren. Sie war die jüngere von zwei Schwestern. Bereits als Kind begann sie mit dem Schreiben von Kurzgeschichten und Liedern.

rechts: Wyslawa Szymborska beim Nobel Banquet am 10. Dezember 1996. Foto aus dem  Lars Årström Archiv

Das Nobeldiplom

Copyright © The Nobel Foundation 1996
Artist: Bo Larsson
Calligrapher: Annika Rücker

Sie studierte polnische Literatur und Soziologie in Kraków.

1948 legte sie ihren ersten Gedichtband vor, der jedoch nicht die Zustimmung der Behörden finden konnte. Erst ihr zweiter Gedichtband Deshalb leben wir, ganz im Sinne des sozialistischen Realismus verfasst, konnte 1952 veröffentlicht werden.

Spätestens aber das 1962 erschienene Gedichtbuch Salz begründete ihren Ruf als führende polnische Lyrikerin.

Verheiratet war sie seit 1948 mit Adam Włodek - das Paar lebte in einem Schriftstellerkollektiv in Kraków. Nach der Scheidung 1954 blieb man einander freundschaftlich verbunden.

Neben ihrem eigenen dichterischen Schaffen war Szymborska als Übersetzerin älterer französischer Gedichte tätig.

In den 1980er Jahren engagierte sich die Autorin im oppositionellen Untergrund der Solidarność und arbeitete  für verschiedene Zeitschriften, darunter die in Paris erscheinende Exilzeitschrift »Kultura«.

Ihr Werk, das kaum mehr als 250 Gedichte umfasst, wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 1991 mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt und 1995 mit dem Herder-Preis.

Karl Dedecius, der sie schon früh im deutschsprachigen Raum bekannt machte, indem er ihre Werke ab 1957 aus dem Polnischen übersetzte, sagte über sie:


»Ihr Denken ist sehr kompliziert, 
ihre Sprache sehr einfach.«

Szymborska hat sich mit ihrem Werk in den Kulturkanon Polens eingeschrieben. Als sie 2012 im Alter von 88 Jahren, starb fuhren in ihrer Heimatstadt Kraków die Straßenbahnen und Busse mit Trauerflor, vor den öffentlichen Gebäuden wurden die Fahnen auf Halbmast gehisst. Das Fernsehen stellte seine Bilder auf Schwarzweiß um.


Humorvoll und witzig bis ins hohe Alter. Ewa Lipska bittet Wisława Szymborska  zu erraten, um was für einen mysteriösen Gegenstand es sich da handelt ...


Lutz Görner präsentiert die Szymborska und ordnet sie ein... 3teilig

Das literarische Werk (erhältlich)


Zuletzt erschienen


Wisława Szymborska
Glückliche Liebe und andere Gedichte

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall und Karl Dedecius. Mit einer Nachbemerkung von Adam Zagajewski

Erschienen: 10.11.2014
suhrkamp taschenbuch 4558, Taschenbuch, 99 Seiten
ISBN: 978-3-518-46558-5

Mehr


Der Augenblick/Chwila - Gedichte

Polnisch und deutsch, übertragen von Karl Dedecius

Erschienen: 18.07.2005
Bibliothek Suhrkamp 1396, Gebunden, 111 Seiten
ISBN: 978-3-518-22396-3


Liebesgedichte

Aus dem Polnischen und ausgewählt von Karl Dedecius

Erschienen: 23.05.2005
insel taschenbuch 3111, Taschenbuch, 138 Seiten
ISBN: 978-3-458-34811-5


Deshalb leben wir - Gedichte

Aus dem Polnischen und herausgegeben von Karl Dedecius

Erschienen: 06.09.1999
Bibliothek Suhrkamp 697, Gebunden, 182 Seiten
ISBN: 978-3-518-01697-8


Auf Wiedersehn. Bis morgen - Gedichte

Ausgewählt und aus dem Polnischen von Karl Dedecius

Erschienen: 25.05.1998
suhrkamp taschenbuch 2858, Taschenbuch, 80 Seiten
ISBN: 978-3-518-39358-1


Salz - Gedichte

Erschienen: 08.02.1997
edition suhrkamp 600, Taschenbuch, 106 Seiten
ISBN: 978-3-518-10600-6


Hundert Freuden - Gedichte

Erschienen: 27.02.1996
suhrkamp taschenbuch 2589, Taschenbuch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-518-39089-4