Lauter Namenlose*

29.02.2020

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Der Konflikt wird nicht beim Namen genannt, zunächst. Gar nichts wird beim Namen genannt. Die Ich-Erzählerin hat so wenig einen Namen wie ihre neun Geschwister. Der Vater der Kinderschar hatte sich nicht mehr der Anstrengung hingeben wollen, über die Namen der Sprösslinge nachzudenken. Also haben es alle sein lassen, das mit den Namen.

Wenn nichts einen Namen hat, dann spart man sich auch gleich zwei Dinge, die einen aus der Hölle des eigenen Welt- und Wertesystems herausführen könnten: Scham und Entschuldigung. Gab es nicht.

Es ist schon ein Privileg, wenn die Eltern bei den Kindern ausharren. Schließlich könnte von ihnen auch nur ein Brief zurückbleiben:

Tut uns leid, Kinder (...) wir sind weg (...) Na ja, (...) ihr könnt alles haben, auch das Haus.

Die Ich-Erzählerin verweigert sich dem System, sie guckt und hört gar nicht mehr hin. Stattdessen liest sie Bücher. Das allerdings macht sie verdächtig. Vertrauen ist in diesem Konflikt keine Währung, mit der irgend etwas bezahlt werden könnte.

Nichts zu erzählen, war meine Art, mich zu schützen.

Als die Ich-Erzählerin einmal der Mutter ihr Herz ausschüttet, reagiert diese maximal ruppig:

Du bist eine Verbrecherbraut geworden.

Der Konflikt im Großen wird auch im Kleinen ausgefochten.

In die Familie der Ich-Erzählerin hat der Konflikt schon große Löcher gerissen. Ein Bruder ist tot, ein anderer auf der Flucht, verschollen.

Was die Menschen trennt sind Traditionen, Zeitungen, Hymnen, Feiertage, Pässe.
Schon nur auf der anderen Seite der Straße gelten ganz andere Regeln.

Das führt auch zu einer ganz bestimmten Art der Rechtsprechung: Straßenjustiz.

Und so erfährt man auch bald, wie das Land heißt, das auf der anderen Seite der See liegt. Denn der große Konflikt im Kleinen kann sich auch an einem alten Kompressor entladen, wenn er zu einer Automarke gehört, die Bentley heißt.


* Die aufgeführten Zitate stammen aus Anna Burns: Milchmann. Tropen 2020. Ich habe das Buch über NetGalley zur Verfügung gestellt bekommen.