Kurz erklärt: Gabriele D'Annunzio

21.02.2020

Gabriele D'Annunzio um 1914 Foto: Wikimedia Commons (gemeinfrei)


Wo es immer noch um die Frage geht, ob Grazia Deledda dem Faschismus Mussolinis zugeneigt war oder nicht, ist es nötig, die Person des Dichters Gabriele D'Annunzio anzuschauen. Der war nun ganz sicher ein Freund Mussolinis und ein Vordenker und Vormacher faschistoider Ideen in Italien. Und er wird in COSIMA namentlich genannt.

Er wird über seine Äußerlichkeiten vorgestellt. Die kleine Cosima hat ja einen Bruder, Santus, der in Cagliari ist und

versprach, ein tüchtiger Doktor der Literaturwissenschaft oder der Medizin zu werden. Letzteres wäre ihm lieber, aber er gab seine literarischen Neigungen und Studien nicht auf.

Leider wird da gar nichts draus, stattdessen wird Santus schwerer Alkoholiker:

Ein geknickter Sprößling, der zwar an der Wurzel noch nicht abgestorben war, doch unwiderruflich für sich selbst und schädlich für die anderen.

Aber er bringt einen Freund ins Haus - Antonino

Ein wunderschöner Junge mit braunem Haar und einem leicht spöttischen Ausdruck, tadellos gekleidet nach der damaligen Mode - Strohhut mit Tüllband im Sommer, blauer Mantel im Winter, lässig übergeworfen nach Art D'Annunzios (so zumindest wollte Antonino es verstanden wissen, und er sprach brüderlich nur noch von Gabriele, wenn er den blutjungen Dichter meinte, der unser Dorf mit seinem Besuch geehrt hatte).

Und dieser Antonino, der "Grandezza" mit in die Abgeschiedenheit des sardischen Dorfes brachte, lehnte sich

an die Gestalt Gabriele D'Annunzios, der damals auf dem Höhepunkt seines Ruhmes stand und umgeben war von einer legendären Aura, lehnte er sich wie der Gläubige an die Tempelsäule, um Kraft und Erhabenheit zu empfangen.

Wie ist jetzt dieser Dichter zu bewerten? COSIMA bietet ja eine Art Rückblick auf das Leben der Grazia Deledda. Da hätte sie jetzt die letzte Chance, sich irgendwie politisch einzuordnen, zumal die Veröffentlichung des Romans ja wohl nicht wie sonst geplant war. 

Von D'Annunzio  gibt es tatsächlich zwei Seiten:

D'Annunzio galt zu jener Zeit als ein Schriftsteller von hohen Meriten, der einen Vergleich mit den Größten der Literatur nicht zu scheuen brauchte. Zahlreiche zeitgenössische Kritiker hielten ihn für ein Genie. "Als Künstler des Wortes", urteilte der Kritiker Alfredo Galletti über seinen Landsmann, sei d'Annunzio dann genial, "wenn es darum geht, wiederzugeben, was im Bereich sensueller Erfahrung liegt: Licht, Farbe, Töne, plastisch-fühlbare Formen und die Formen der Phantasie. Der Inhalt, das heißt: die Seele seiner Dichtung, ist die des Räubers; sie ist sinnlich und heidnisch."

Zitiert aus dem Spiegel:

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43064650.html von 1956

Eine wichtige Identifikationsfigur für die Faschisten von gestern unter Mussolini und für die Neue Rechte in Italien von heute, ist der Dichter Gabriele D'Annunzio (1863 - 1938). Seine Werke gehören in Italien nach wie vor zur Schullektüre . Er besetzte im September 1919 die Hafenstadt Fiume - heute Rijeka und machte aus ihr ein politisches Versuchslabor. Fiume sollte die Keimzelle einer neuen Gesellschaftsordnung werden. Nach 16 Monaten beendete die italienische Regierung das Experiment, das für Mussolini und die Faschisten aber ein wichtiger Bezugspunkt blieb. In Triest, von Rijeka aus gesehen auf der anderen Seite der Halbinsel Istrien, wurde vergangene Woche, am 100. Jahrestag der Besetzung, ein Denkmal für Gabriele D'Annunzio enthüllt - faschistische Schwarzhemden waren auch vor Ort. Das kroatische Außenamt protestierte mit einem offiziellen Schreiben.

Zitiert aus :

https://www.deutschlandfunk.de/denkmalstreit-um-d-annunzio-dichter-des-faschismus.691.de.html?dram:article_id=458978 September 2019

Der Spiegel-Artikel sagt uns, dass sie sich dem Autor zumindest verbunden fühlen musste, wenigstens auf  literarische Art. Ihre eigene Literatur könnte man ja so ähnlich charakterisieren..

Über die faschistische Seite des Lebens schweigt sie sich aus, die blendet sie aus. Dieses könnte man ihr zum Vorwurf machen, dass sie sich trotz der großartigen Auszeichnung nicht eindeutig gegen den Faschismus wendet. Zählt man dann noch den "Segen von oben" zur Annahme des Literaturnobelpreises dazu, dann wiegt das natürlich insgesamt auch etwas. 

Die von ihr entworfenen gebrochenen Figuren in COSIMA zeigen auf jeden Fall erstmal keine faschistoiden Tendenzen, die haben allesamt mit sich selbst genug zu tun.