Kristin bricht die Regeln

06.03.2020


Es hatte sich ja schon angekündigt: Die nun im Kloster beaufsichtigte, zu Hause so gut wie verheiratete Kristin, verliebt sich in einen Ritter. Sie hat bei der ersten Gelegenheit  Sex mit ihm, könnte ein Kind von ihm erwarten, und muss nun erstmal hinnehmen, dass sein Weg ihn direkt in den Krieg führt. Bevor die Verhältnisse eventuell erklärt werden könnten.

Der Ritter ist auch nicht irgendeiner, sondern war ihr zu Kinderzeiten von der weisen Aashild schon mal anempfohlen worden, die ja an dem dicklichen Bräutigam was auszusetzen hatte:

Aber du, Kristin, du solltest mit einem Mann verheiratet werden, der Rittersitten und Courtoisie {= adelige Höflichkeit } besitzt. (...). Mein Schwestersohn Erlend Nikulaussohn auf Husaby, der wäre ein passender Bräutigam für dich (...). Aber kenne ich meinen Schwager recht, so hat er sich wohl bereits nach einer besseren Heirat für Erlend umgesehen als du bist.

Das Problem ist,

Erlend hatte seine Geschäfte nach der anderen Richtung gemacht, verkauft und zerstreut und vergeudet und verpfändet, am schlimmsten in den letzten Jahren, als er sich von seiner Buhlerin trennen wollte und deshalb gemeint hatte, dass sein übles Leben mit der Zeit vergessen werden würde und die Verwandten sich seiner annehmen würden...

Ein Mann mit Vergangenheit trifft jetzt auf eine Frau ohne Zukunft.

Kristin weiß nämlich ganz genau, wenn ein Mann mit einer Frau in wilder Ehe lebte:

Das war Hurerei, eine der schlimmsten Sünden;

Da steckt sie jetzt mit drin. Ist seine Buhlerin. Und seine Entschuldigungen, warum er nun unbedingt hatte in eine fremde Ehe eindringen müssen,  hören sich auch nicht wirklich plausibel an:

Sie war mit dem Lagmann, Sigurd Saksulvsohn, verheiratet. Es dünkte mich schade um sie, denn er war alt und unglaublich häßlich - ich weiß nicht, wie es sich zutrug - ja, ich hatte sie wohl auch lieb. Ich bot Sigurd an, als Buße zu verlangen was er wolle, ich hätte gerne recht gegen ihn gehandelt - er ist in vieler Beziehung ein tüchtiger Mann - aber er wollte, dass es nach dem Gesetz ginge, er brachte die Sache vor das Thing - ich sollte gebrandmarkt werden wegen Hurerei mit der Frau jenes Hauses, dessen Gast ich gewesen war (...)


Aha. Recht und Gesetz sind da schon mal zweierlei. 

Wie hieß das auf der Seite der Buchmesse?

 Die Liebe schafft keine Gesetze, sie bricht alle.

 Bingo.

Das alles führt jetzt, da sie selbst mehr oder minder Ausgestoßene aus der ehrenwerten Gesellschaft ist, bei Kristin dazu, dass sie anfängt, hinter die Kulissen zu schauen. Auch im Kloster. Sind wirklich alle so heiligmäßig unterwegs wie es nach außen scheint? Von Schande, die eine Schwester über das Kloster gebracht hätte, war jedenfalls nie zu hören gewesen.

Jetzt aber besaß Kristin ein offenes Ohr für alle kleinen Ungehörigkeiten innerhalb der Klostermauern - Kleine Zänkereien und Eifersucht und Eitelkeit. Außer bei der Krankenpflege wollte keine der Nonnen bei der groben Hausarbeit mit Hand anlegen - alle wollten sie gelehrte und kunstfertige Frauen sein; eine wollte die andere überholen, und jene Schwestern die für solche vornehmen Fertigkeiten nicht begabt genug waren, verloren den Mut und brachten die Zeit wie in Betäubung zu.

Christliche Frauensolidarität sieht anders aus.

Die Äbtissin hat im Wortsinn Haare auf den Zähnen:

Frau Groa Guttormstochter war eine große und alte Frau, sie wäre schön gewesen, hätte sie nicht so viele Barthaare um den Mund gehabt. Ihre Stimme war tief und glich einer Männerstimme. (...)

Frau Groa selbst war gelehrt und klug sie wachte über den Wandel und Fleiß ihrer geistigen Töchter, aber sie nahm sich nur wenig ihres Seelenheiles an. (...) Frau Groa schien von den Schwestern niemals eine Antwort zu erwarten. Dagegen sprach sie gerne mit Männern. Die kamen und gingen in ihrem Sprechzimmer - Landbauern und Vertrauensmänner des Klosters, Prädikantenbrüder des Bischofs, Vertreter von der Hauptinsel, mit denen sie im Rechtsstreit lag. (...) Auch nicht die bösartigsten Menschen konnten an Frau Groas Tun etwas Unschickliches finden. Aber sie liebte es, nur von solchen Dingen zu reden, in denen Frauen selten Bescheid wissen.

Das kann Kristin nicht gefallen. Zu Hause wurde sie vom Vater in alles Wissenswerte eingeweiht. Allerdings fällt sie nun ihm - und dem Verlobten, den sie nicht liebt, dessen Familie sie nicht mag - in den Rücken. Auch nicht fein.

Der Prior  (...) schien nicht mehr eigenen Willen zu haben als die Schreibfeder der Äbtissin.

Dann gibt es noch die dicke Schwester Potentia, die ihr Noviziat in einem  deutschen Kloster verbracht hat und nun gerne die vornehme deutsche Art im Kloster aufziehen würde.

Bleibt noch Schwester Cecilia, die sich selbst des Hochmuts bezichtigt und ins Kloster geflüchtet sei, nicht etwa weil sie einen Mann liebtee, sondern um ihren eigenen Stolz zu brechen.

Hier gibt es auf den ersten Blick nichts, was eine norwegische Autorin dazu gebracht haben könnte, dem protestantischen Staatsglauben zu entsagen, um den katholischen Glauben anzunehmen.