Krankheitsverarbeitung

07.02.2020


Der Roman DAS GEHEIMNIS wurde erstmals im Jahr 1929 veröffentlicht. Also nach Entdecken von Deleddas eigener Krankheit und der entsprechenden Operation. Im Roman befasst sie sich auch mit einer Erkrankung. Einer Nervenerkrankung. Krank ist der Ehemann der neuen Nachbarin.

Christian hört davon das erste Mal durch Ghiana:

Dort drüben, sagte sie, mit dem Kopf auf das Sommerhäuschen deutend, ohne die Augen aufzuschlagen, wohnt jetzt ein Kranker.

Christian geht zu diesem Zeitpunkt auf das Thema gar nicht ein.

Für Ghiana ist das mit dem neuen kranken Mann eine gute Sache.  Dort werden Lebensmittel gebraucht, da kann sie ihre prima verkaufen, falls Christian wieder Theater macht:

Ich soll ihnen jeden Tag frische Milch bringen - und Eier und junge Hühner und auch Brot.

So bringt sie nun auch täglich weitere exklusive Informationen zu Christian:

Der Mann ist Arzt und niemand weiß, was ihm eigentlich fehlt (...).

Hoppla, sogar Ärzte werden krank.

Und teilt, was dann so die Eine der Anderen erzählt:

Neulich erzählte mir die Magd einmal, ihr Herr sei gelähmt, würde aber hoffentlich bald wieder aus dem Krankenstuhle aufstehen. Und dann würden sie wieder fortziehen von hier.

Und nun kann ja jeder selber Arzt, hat ja auch jeder schon mal einen Kranken gesehen:

Aber wie kann ein Gelähmter denn wieder aufstehen? Mein armer Großvater war sieben Jahre gelähmt (....)

Das Volk ist  der beste Arzt. Diagnosen zu stellen ist einfach:

Ich glaube, es fehlt dem Kranken ganz woanders. Hier, setzte sie hinzu, mit dem Zeigefinger auf die Stirne deutend.

Am nächsten Morgen erfuhr er durch Ghiana, daß es dem Kranken in dem Landhaus wirklich ziemlich schlecht gehe.

Christian rafft sich nun endlich auf, und geht selbst mal nachgucken. Das ist schon mehr als die meisten machen und gut, wenn es mehr ist als Neugier.

Und die Ehefrau freut sich darüber, dass mal jemand nachfragen kommt und gibt gerne Auskunft:

Meinem Mann geht es jetzt besser. Er hatte zwar heute Nacht einen schweren Anfall, aber das kam wohl mehr vom Wetter.

Daran hat sich auch bis heute nichts geändert. Chronisch Kranke und ihre Angehörigen schieben einen Großteil der Beschwerden auf das Wetter. Es muss doch irgendeine Begründung geben für den ganzen Mist.

Und dann:

An einem drückend heißen, stillen Nachmittag, einem von jenen Sommernachmittagen, die voll Langeweile sind und den Menschen nach Zerstreuung suchen lassen, besuchte die Dame aus dem weißen Landhäuschen ihren Nachbarn.

Und sie schüttet ihm ihr Herz aus und erzählt, wie es ist:

Mein Mann hat ein schweres Nervenleiden, das eines Tages jäh zum Ausbruch kam - niemand weiß eigentlich, warum. Es ließ sich weder auf Überarbeitung zurückführen, noch auf ein ausschweifendes Leben. Ganz plötzlich brach es über ihn herein - wie irgendeine andere Krankheit.

Jede/r chronisch Kranke fragt sich früher oder später, was er selbst wohl falsch gemacht haben könnte. Und vergleicht sich mit anderen Leuten. Sucht in der Familie, gerne bei den Eltern:

Sein Alter war heiter und gesund, ich möchte fast sagen, er starb mit einem Lächeln auf den Lippen.

Krankheiten verändern Menschen ja auch äußerlich, oder wie die Frau sagt:

In den ersten Monaten seiner Krankheit nahm ich ihn oft auf Spaziergängen mit. Er war so sehr gealtert, dass er fast wie mein Vater aussah, und die Leute, die uns begegneten, betrachteten ihn voll Mitleid. Er fühlte es sofort, noch schneller als ich, und wollte das Haus nicht mehr verlassen.

Mitleid ist schlimmer als die ganze Krankheit, weil es niemanden weiterbringt. Weil es nervt und unter Druck setzt.

Deshalb ist sie mit ihm in dieses Sommerhäuschen gezogen. Nur weg aus der alten Nachbarschaft, dorthin wo einen keiner kennt.

Nichts ist peinlicher als das Urteil von Leuten, die uns so gut kennen. Ständig fühlt man sich bevormundet und beobachtet (...)

Die Neugierigen hinter sich lassen, denn die

Wollten alle meinen Mann besuchen, und sie unterhielten sich mit ihm wie mit einem Gesunden, machten ihm seine Krankheit aber stillschweigend zum Vorwurf.

Einige kehrten auch den Arzt heraus, und alle waren ganz erstaunt, dass er nicht von selbst wieder gesund werden wollte. Jeder hatte einen guten Rat für mich.

Die Gerüchte hinter sich lassen:

Er war Arzt, hat sicher einen Patienten getötet, oder wurde verrückt, weil die Frau ihn verlassen wollte, ihn sogar bestohlen hat...

Christian zeigt Verständnis und bezieht sich selbst mit ein in das Leid und redet es kleiner:

Wir reden und reden und glauben mehr zu leiden als die anderen, und dabei ist das Leid doch allen Menschen eigen, genau so wie die Liebe.

Doch später wird Christian den Kranken sehen - und er wird wahrhaftig mit ihm leiden:

Er hatte etwas von einem Gefangenen, der in stummem, ohnmächtigem Grimm an den Gitterstäben seiner Zelle nagt.

Grazia Deledda ist Realistin. Sie beschreibt die Dinge wie sie sind.

In Italien nennt man diese Stilrichtung Verismus. Die Kunst behandelt nunmehr Gegenwart und Alltagserleben in allen Gesellschaftsschichten. Und  Deledda steht explizit für den literarischen Verismus Sardiniens, so schreibt sie eben über einen Arzt genauso wie über Fischer und Mägde. 

Es geht um Wahrhaftigkeit, die Künstler*Innen müssen dabei selbst keinen objektiven Standpunkt einnehmen. 

Verismus findet sich nicht nur in der Literatur, sondern auch in den bildenden Künsten, im Film, in der Oper.