Karen Köhler: Miroloi

07.09.2019


REZENSION {Unbeauftragte Werbung}

Karen Köhler: Miroloi

Der Roman weckte in mir unterschiedliche Gefühle, je nachdem, wie weit ich im Buch vorangekommen war. Zuerst geriet ich in Brass: Muss dieses Mädchen nun wirklich so eine thumbe Thorin sein? Wozu diese lächerliche Sprache mit den Wortschöpfungen? Hätte das Lektorat nicht schärfer eingreifen müssen? Wer braucht diese albernen Wiederholungen? Wie zur Hölle kam es auf die Longlist zum Buchpreis?

Ungefähr bis zur Hälfte des Romans wollte ich beißen. Abwechselnd in das Buch, den Tisch, die Wade der Autorin.

Aber da ist ein Mädchen, das sich für seine Welt verantwortlich fühlt, obwohl nicht eines der Zeichen seit seiner Geburt darauf hingewiesen hat. Ein ähnliches Mädchen hat sich im realen Leben schweigend vor seine Schule gesetzt: Klimastreik.

Das Mädchen aus dem Roman schweigt nicht. In 128 Strophen singt es sein eigenes Totenlied, obwohl es am Leben ist. Aber im Schönen Dorf auf der Schönen Insel gibt es kein schönes Leben für jemanden wie das Mädchen. Es ist ein Findelkind und als solches schäbig. Findelkinder taugen nur zum Sündenbock, sie haben keine Eltern, keinen Stammbaum, folglich keinen Namen, keine Rechte.

Die Schöne Insel hat auch Probleme, wie ich sie kenne: An ihren Stränden sammelt sich der Plastikmüll. Waren müssen mühselig zu ihr hingeschippert werden. Es gibt keinen Arzt. Der Lehrer ist ein Kinderschänder. Der Nachrichtensprecher hat ein Geheimnis und spricht meist schlechte Nachrichten.

Am Anfang sind die Gedanken des Mädchens noch ungeordnet. Das Findelkind wird durch die Meute gehetzt. Ihm fehlen die Worte, es muss sie erfinden.
Irgendwann dann heißt das Mädchen Alina und kann lesen. Sie weiß nun, es gibt mehr Leben als das auf der Schönen Insel, und sie wird daraus ihre Konsequenzen ziehen. Bildung ist ihr Vorteil. Alina begehrt auf gegen Ungerechtigkeit, Gewalt und Missbrauch, nimmt Rache an einem männlich-autoritären System, das zudem noch religiös verbrämt ist.

Aus den drei großen abrahamitischen Religionen ist eine einzige geworden. In ihr herrschen drei Götter im ewigen Kreislauf: Der Schöpfer, der Bewahrer, der Zerstörer, die Kräfte des Werdens, Seins und Vergehens.
Das heilige Buch und Ratgeberin zu allen Fragen des Lebens auf der Insel ist die Khorabel geworden, eine Essenz wohl aus Bibel, Koran und dem Buch Kholet. Und sie beantwortet auch die wichtigste Frage des Lebens:

Am Anfang war das Ei

und das Ei war allein.

Und es war nichts als das Ei.

Und um das Ei herum war nichts.

Und das Nichts war dunkel.

Und die Dunkelheit war nichts als dunkel,

war um das Ei herum,

um das, was nicht das Ei war

Alina weiß, dass das so nicht wahr sein kann, zu einem Ei gehört eine Mutter, ein Huhn, ein Vogel. In ihrem Wissensdrang hat sie Verbündete, trotz ihres Garnicht-Status. Der wichtigste ist der Bethaus-Vater. Er bestimmt das Leben auf dieser eigenartigen Insel, auf der Frauen nicht lesen und Männer nicht kochen dürfen. Er ist der Finder vom Mädchen und hat es das Verbotenste gelehrt. Aus diesem Grund wird Alina der Frage der geschwärzten Stellen in der Khorabel nachgehen, den großen Bluff erkennen, die geheimsten Wünsche der Inselmänner erfahren, während es im Schönen Dorf zum großen Umsturz kommt.

Abschließend kann ich sagen, dass mir Miroloi gefallen hat. Die Sprache darin ist besonders. Ich musste mich durchbeißen. Aber ich wurde belohnt mit einer spannenden Geschichte über eine Insel, die in Wirklichkeit nur einen Gedanken weit entfernt ist von der Gegenwart. 

Bitte lesen!