(K)ein Messias

01.01.2020

Zeit: 1665/1666

Orte: Lemberg, Insel Gallipoli

Das ging steil mit dem Sabbatai Zwi. Besonders in den Juden, die mit knapper Not den 1648er Attacken unter Chmelnyzkyj entgangen waren, wurde der Traum geweckt, dabei zu sein, wenn Sabbatai Zwi nach Konstantinopel ziehen würde, um dem Sultan die Krone vom Haupt zu reißen und sich selbst zum König der Juden zu erklären.

Dass daraus eine Geschichte mit einem Turban würde, konnten sie in den Anfängen natürlich nicht ahnen. Viele hatten sich, wie die Eltern der alten Jenta, nach Lemberg aufgemacht, um dort auf lebenswertere Zustände zu stoßen und die Gräuel mit mehr als 100.000 Toten zu verarbeiten. Da war es nicht verwunderlich, dass die besseren Zustände nach all den vorangegangenen Schrecken auch die Hoffnung auf das baldige Erscheinen des Messias nährten.

Im Herbst 1665 war es dann soweit. Der Messias ist gekommen! Dass die Lemberger Wunder-Überprüfungs-Delegation diesen dann ein Jahr später lediglich im Kerker von Gallipoli antreffen konnte, war da noch das Geringste, was seine Anhänger bis dahin zu schlucken hatten. Ganz davon abgesehen, dass er durch Bestechung einen sehr angenehmen Gefängnisaufenthalt verleben durfte, hatte dieser seltsame Heilige sich nie durch besondere Gelehrsamkeit oder wichtige Schriften ausgezeichnet.

Mit 27 Jahren hatte er sich selbst zum Propheten erklärt, nachdem er das jedem Juden Verbotenste überhaupt getan hatte: den Heiligen Namen Gottes, das Tetragramm (JHWH), auszusprechen.

Er hatte versucht, die Sonne anzuhalten, verheiratete sich selbst mit der Torah, führte eine neue Zeitrechnung ein. Das Gesetz des Mose galt nicht mehr, dafür forderte er Frauen (!) zum Lesen der Torah auf. Überall wo er hinkam, beging er "befremdliche Taten", waren die Rabbiner aufgebracht, die Anhänger aber begeistert. Was wurde nicht alles berichtet, er habe Brüste wie eine Frau, ernähre sich gar lediglich von Sonnenstrahlen..

Im Jahr 1666 wurde es den Machthabenden in Smyrna und Konstantinopel dann zu bunt: Der Großwesir ließ den Mann verhaften, der Sultan stellte Sabbatai Zwi am 16. September 1666 vor die Wahl: Turban auf oder Kopf ab. Und der Messias konvertierte zum Islam.

Heutige Forscher gehen davon aus, dass der Sabbatai Zwi unter einer manisch-depressiven Psychose mit paranoiden Zügen litt.

Im Internet findet sich die größere Zusammenfassung dieser Geschichte, die von Olga Tokarczuk in den jakobsbüchern um die Situation der Familie der alten Jena erweitert wird, unter https://religioholic.de/?p=2910

Quelle und Literaturempfehlung: Scholem, Gerschom: Sabbatai Zwi. Der mystische Messias. Jüdischer Verlag, Frankfurt 1992.