Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten

21.08.2019

REZENSION {Unbeauftragte Werbung}

Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten

(Im Original: The Man without a Shadow. Übersetzt vonSylvia Morawetz aus dem Amerikanischen Englisch).

Ein Buch, das mich aktuell sehr beschäftigt, stammt in der deutschen Übersetzung aus dem letzten Jahr, das Original erschien pünktlich zum 80. Geburtstag der Autorin 2016. Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten. Es ist ein Campus-Roman, es ist ein Klinik-Roman, es ist natürlich ein sehr reifer Roman. Er spielt Anfang der 60er Jahre, als das Schicksal dem neurowissenschaftlichen Institut einer Universität in Pennsylvania eine Sensation beschert: Ein Patient aus bestem Geldadel, trotzdem political-correct, eloquent, gutaussehend, dem eine Gehirnentzündung einen Teil des Gedächtnisses geraubt hat. Sein Langzeitgedächtnis funktioniert - aktuell erlebte Situationen kann er aber nur gut eine Minute lang erinnern, dann sind sie verschwunden.
Das Institut wird - wie in den 60ern noch üblich - von einem Mann geleitet, der als Lichtgestalt darüber herrscht. Dieses befördert die üblichen Eifersüchteleien und Gedankendiebstähle an solchen Instituten - eine erfolgversprechende Doktorandin wird protegiert, ins Bett geholt und erhält die Chance, sich an den Versuchen rund um den Patienten mit den Initialen E. H. zu beteiligen. Sie wird diese Chance obsessiv nutzen und sich über 30 Jahre in den Fall E.H. und den Mann Eli Hoopes verbeißen. Sie wird sich weder von wissenschaftlichen und/oder Ethik-Codes, noch von allgemein menschlichen Regeln des Zusammenlebens stoppen lassen. Sie wird ihn in Versuchsreihen quälen, sie wird das Liebe nennen. Wozu das führt: Ein Leben, das nur der Gegenwart gehört, und ein Leben, das nur einem einzigen Menschen gewidmet ist, das fabuliert Joyce Carol Oates so anschaulich und glaubwürdig, dass man meint, die Protagonisten persönlich zu kennen. Dass sie es in dieser Gemengelage noch versteht, eine Kriminalgeschichte einzuflechten, ist allerhöchste Romankunst.

Manche Kenner*innen der Autorin beklagen fehlende Angstlust in diesem Roman. Ich beklage gar nichts, wünsche mir, dass sie endlich den Literaturnobelpreis bekommt, und vergebe wiederum sämtliche zur Verfügung stehenden Punkte! Einfach großartig.