John Irving: Das Hotel New Hampshire

27.11.2019

REZENSION (unbeauftragte Werbung)

John Irving: Das Hotel New Hampshire

 (Original: "The Hotel New Hampshire" aus dem Amerikanischen übersetzt von Hans Hermann)

Mit manchen Büchern und ihren Autoren kann es einem ergehen, wie mit manchen Menschen in anderen Lebenslagen. Der erste Eindruck ist katastrophal - mit diesen möchte man nie wieder was zu tun haben. Dann lernt man sie besser kennen, beginnt, sie zu verstehen - und wird zu Freunden, manchmal sogar zu Liebenden.

So ist es mir ergangen mit dem Roman " Das Hotel New Hampshire" von John Irving. Ich hatte bereits einen Irving gelesen "In einer Person" - und war mächtig genervt von dem Buch. Eigentlich hätte ich nie wieder einen Irving anfassen wollen. Aber dann gab es in meiner Backlist-Lesegruppe vom Diogenes-Verlag eben den Vorschlag, "Das Hotel New Hampshire" zu lesen. Die Vorschläge dieser Lesegruppe behandle ich wie Arbeit. Kann man sich nicht aussuchen - muss man machen. Fertig.

Einige Gruppenmitglieder hatten bei Irving direkt ausgesetzt, manche im Verlauf dann unter Protest gegen den Roman.

Meine erster Gedanke nach ein paar Kapiteln war: Dieser Autor liebt seine Protagonisten nicht genug. Der dichtet denen schier unglaubliche Leidenszustände an, er stattet sie mit Makeln und Macken aus, das spottet jeder Beschreibung. Political Correctness? Fehlanzeige! Kleinwüchsige sind "Zwerge", Prostituierte "Nutten" usw. Und dann diese Geschichte rund um die drei "Hotels New Hampshire". Sapperlott. Diese groteske Fabulierlust kenn ich sonst nicht von Autoren. Da wimmelt es von Bären, furzenden Hunden, Ausstopfversuchen, festgeschraubten Stühlen, Vergewaltigungen, Abhöranlagen in Hotels, antisemitischen Sprüchen, es gibt Sex bis bis zum wunden Abwinken. In jedem Kapitel stirbt wenigstens einer. Das war nicht zum Aushalten! Aber Arbeit kann so sein!

Irgendwann dann gibt es einen Spin in dem Roman. Es ist ein weiterer schwerer Verlust für die Familie. Und da wurde mir klar, dies ist ein Familien-Lebensroman - im besten Sinn des Wortes. Im Leben und im Werk des Autors spielt (neben Bären, Männersport und Sex) die Familie die größte Rolle - besonders im Blick auf den Vater! Wenn man im Roman durchhält, gelangt man zu den Stellen, die die Intention Irvings am besten erklären:

"So erfinden wir unser Leben. Wir geben uns eine anbetungswürdige Mutter, wir machen unseren Vater zum Helden. Und jemandes älterer Bruder und jemandes ältere Schwester - auch sie werden zu unseren Helden. Wir erfinden, was wir lieben und was wir fürchten. (... ). Wir träumen immer weiter: das beste Hotel, die perfekte Familie, das Leben in der Sommerfrische. (...). Und weil es so läuft, brauchen wir etwas ganz Bestimmtes: Wir brauchen einen guten, schlauen Bären. (...). Du musst besessen werden und besessen bleiben. Und noch was: Bleib immer weg von offenen Fenstern."

Ich kann die Lektüre dieses Roman mit bestem Gewissen empfehlen. Langweilig wird's da nie. Aber man muss ein gewisses Maß an Zumutungen ertragen können. Vielleicht kommen einem dann das eigene Leben, die eigene Familie viel schöner vor als vorher.