Januar 2022 | Matias Faldbakken | Wir sind Fünf

23.01.2022

Werbung | unbezahlt | unaufgefordert


"Wie viele seid ihr denn?",

"Wie viele? Fünf insgesamt", sagte Helene.

Sie warf der Alten einen fragenden Blick zu.

"Und wo sind die anderen?", fragte die Alte.

"Nun, ich bin hier", sagte Helene. "Und zwei sind bei der Arbeit. Einer ist in der Schule, glaube ich. Und einer ist aus Erde".


Matias Faldbakken, Jahrgang 1973, lebt und arbeitet als bildender Künstler in Oslo. Mit seinem Debütroman "The Cocka Hola Company", rund um eine Pornoproduktionsfirma, hatte er für allerhand Aufsehen gesorgt. Gemeinsam mit "Macht und Rebel" und "Unfun" gilt dieser als Teil der "Skandinavischen Misantropen-Trilogie". Bühnenfassungen dieser drei Romane wurden auch an diversen deutschen Theatern aufgeführt. Faldbakken gilt darüber hinaus als einer der bedeutendsten skandinavischen Gegenwartskünstler, ausgestellt in führenden Galerien überall auf der Welt.

Nun also bei mir zum Jahresauftakt Wir sind Fünf in der Übersetzung von Maximilian Stadler, erschienen 2020 als "Heyne HARDCORE".

Kühl betrachtet, handelt es sich um das Märchen vom dicken, fetten Pfannkuchen in der aufgemotzten Version für das 21. Jahrhundert. Im Original geht es um einen Pfannkuchen, der dem Teller entweicht - und kanntapper, kanntapper in die Welt hinausläuft. Alle wollen ihn fressen: das Häschen Wippsteert, der Wulf Dicksteert, die Zicke Langbart, das Pferd Plattfaud und die Su Haff. In meiner Version (Märchen und Sagen aus Hannover) wird er letztlich von drei armen Waisenkindern doch noch verspeist und die Sache geht (außer für den Pfannkuchen) sehr gut aus.

Bei Faldbakken ist das, das sei hier bereits verraten, anders. Die Geschichte beginnt aber wie eine typische norwegische Saga:

Es steht ein Haus in Råset, einem Dorf etwa drei Stunden nördlich der Hauptstadt. Dort wohnte Tormod Blystad mit seiner Familie. Das Haus hatte er selbst gebaut, während Siv mit dem ersten Kind im Bauch stöhnte und litt.

Die Leserin lernt die Familie kennen: Tormod und Siv sowie die Kinder Alf und Helene. Tormod ist ein braver Familienvater und ein geschickter Handwerker. Siv ist Friseurin. Tormod ist in seiner Jugend ein wilder Kerl gewesen, hat eine Menge Mist gebaut, aber Siv hat ihn früh ins richtige Fahrwasser gelenkt. Als Student war er 

beharrlich und gewissenhaft. Fleißig, akkurat.

Zum richtigen Genie aber wurde er nur auf Amphetamin - bis zum totalen Absturz. Der Unterschied zwischen dem bedröhnten Tormod und dem nüchternen ist wie der Unterschied zwischen Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Es kommt, wie es kommt. Zur großen Karriere reicht es nicht beim cleanen Tormod. Zum Lebensunterhalt muss er in der Tischlerwerkstatt seines Vaters anheuern. Und als das Haus gebaut und die Kinder gezeugt sind, kommt es zur großen Langeweile zwischen den Eheleuten. Um das Familienleben aufzupeppen (ohne Amphetamine) muss ein Hund her. So kommt Snusken ins Haus, ein kleiner Elchhund. Norwegische Elchhunde sind ungefähr wie Deutsche Schäferhunde, haben nur wolligeres Fell und einen Ringelschwanz. Besonders die Kinder sind begeistert, es ist wieder Leben im Haus. Doch Snusken verschwindet auf merkwürdige Weise und das Familienleben implodiert.

Da beginnt Tormod mit der verhängnisvollen Experimentiererei rund um den Ton. Was tollpatschig und niedlich beginnt, führt in Råset letztlich zur Katastrophe.

Zugegebenermaßen habe ich den Roman verschlungen. Ich wollte einfach immerzu wissen, wie es weitergeht. Neben einer spannenden Geschichte, die mit psychologischem Geschick erzählt wird, ist die Erzählung auch als Warnung gedacht, glaube ich. Das Leben steckt im Ton, das Leben steckt im Lehm. Kinder wissen das noch, viele gebrauchen die Begriffe lange synonym. Erwachsene vergessen das, vor allem, wenn sie in der Stadt leben und den Computer der Erde vorziehen.

Ganz Råset und die umliegende Landschaft waren wichtige Anbaugebiete, und es galten strenge Richtlinien zum Schutz des Ackerlands. Nur ein Prozent des Landes in Norwegen ist fruchtbar genug, um Getreide anzubauen, urbarer Boden ist also eine knappe Ressource. Bis sich eine neue Schicht Ackerboden bildet, vergehen tausend Jahre...


Empfehlung von mir? Ja, dreieinhalb goldene Pfannkuchen. Eignet sich für Leser*innen, die auch mit dem Gruselaltmeister Stephen King was anfangen können.