Jan Costin Wagner: Sommer bei Nacht

06.05.2020

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  • Erscheinungstermin: 16.01.2020
  • Verlag: Galiani Berlin bei Kiepenheuer & Witsch 
  • 320 Seiten
  • ISBN: 978-3-462-32145-6
  • Ebook 16,99 Euro

Ich habe das Ebook kostenlos über NetGalley.DE erhalten.



Viele kennen den Musiker (einige Kapitelanfänge im hier vorgestellten Roman sind verknüpft mit Songs des Autors, die während der Niederschrift des Romans entstanden!) und Krimi-Autor Jan Costin Wagner als Erfinder des abgrundtief traurigen finnischen Kommissar Kimmo Joentaa. Die große Stärke dieser Krimis (es gibt inzwischen sechs Stück in der Reihe) ist es, dass Jan Costin Wagner quasi systemsprengend und genreübergreifend schreibt. Eigentlich sind es genauso gut Liebesromane oder psychologische Studien. Ruhig, melancholisch und sehr poetisch - und beim Lesenden sehr tief eindringend.

Diese Romane werden gerne etwas vorschnell unter die Skandinavien-Krimis gefasst, aber der Autor ist Deutscher, geboren in Langen bei Frankfurt am Main.

Sommer bei Nacht gehört nicht in die Reihe mit Kimmo Joentaa. Der Roman spielt nicht in Turku, sondern in Wiesbaden. Er ist der Auftakt zu einer neuen Reihe - und hat es im letzten Monat direkt auf Platz zwei der Krimibestenliste geschafft.

Die einzelnen Kapitel sind relativ kurz. Jedes Kapitel ist einer der Personen im Roman gewidmet. Es ist so, dass die Thematik der erzählten Story in jedem Kapitel eine andere sein kann, sie aber alle sehr dicht zusammenhängend ein großes Ganzes ergeben. Auffällig ist auch, dass die Sätze sehr kurz sind. Das gibt dem Roman etwas Schnelles, Gehetztes. Das ist eher anders als sonst bei den Wagner-Krimis.

Es ist einer der heißen Sommer der vergangenen Jahre mit Temperaturen bis zu 39 Grad. Bunte Lichter, Farben, weiß, grau, grün, rot und schwarz ziehen sich durch jedes Kapitel. Ich dachte die ganze Zeit an ein Kind auf einem Karussell oder an ein Kind, das sehr schnell rennt.

Um Kinder geht es tatsächlich. Aber - und hier greift der Roman eine sehr ernste Thematik auf - es geht um vermisste Kinder, um verlorengegangene Kinder.

Im Jahr 2018 wurden 12.791 vermisste Kinder in der "Vermi/Utot" (also der Datei der Vermissten und unbekannten Toten) registriert, 12.604 Fälle wurden aufgeklärt. Dies entspricht bereits einer Aufklärungsquote von 98,5 %. Die 15.395 Fälle der im Jahresverlauf 2019 als vermisst registrierten Kinder konnten zu 97,9 % (15.072 Fälle) geklärt werden.

Ein großes Problem, trotz der hohen Aufklärungsrate, die das BKA auf seiner Website ausweist.

Verloren gegangen im Roman ist Jannis, 5 Jahre alt. Dem Polizisten Ben Neven wird vom Kollegen und leitenden Ermittler Christian Sandner, der ihn gerade vom Mittagsschlaf weggeholt hat, der Sachverhalt wie folgt erklärt:

Das Ganze begann um halb zwölf. Traditioneller Sommerflohmarkt. Eltern und Lehrerschaft verkaufen Sachen für gute Zwecke. Gegen Viertel vor zwölf war der Junge, Jannis, plötzlich weg. Die Leute haben ihn gesucht. (...) Nach etwa einer Stunde hat die Mutter die Polizei verständigt (...) Inzwischen sind seit dem Verschwinden des Jungen etwa drei Stunden vergangen.

Im Folgenden wird es noch heißer als es sowieso schon ist. Es stellt sich heraus, dass noch ein weiteres Kind vermisst wird. Und wie unter einem Brennglas - oder einem Verfolger-Scheinwerfer versammelt der Autor alle seine Charaktere und lässt jedem einzelnen von ihnen auf den Zahn fühlen. Wer ist Täter? Wer ist alles Opfer und wovon? Wieviel vom Täter steckt in einem Ermittler? Wer sind die Eltern? Wie kommen sie mit ihren Kindern zurecht? Wie kommen sie mit so einer Erfahrung zurecht? Wie soll ein Geschwisterkind in so einer Situation weiterleben? Welche mathematische Gleichung könnte ein Menschenleben retten? Wie umgehen mit den ganzen Unbekannten und Variablen?

Als Leser merkt man schnell, unter dem hellen Licht fühlen sich alle Personen im Roman gleichermaßen unwohl. Alle erleben sich selbst wie auf einer Bühne. Alle wie im falschen Film.

Und ich sag's gleich dazu: Dem unbarmherzigen Licht von oben kann kaum einer von ihnen entgehen. Wer nicht von der Sonne beschienen wird - den erwischt der Mond in der heißen Nacht.

Dieser Krimi ist ganz große Klasse. Die 320 Seiten hatte ich viel zu schnell durch. Manche Bilder brennen sich in die Netzhaut ein oder sogar ins Gehirn. Und ich kann nur sagen, ich möchte trotzdem bitte mehr davon!

Heiße Leseempfehlung!