Ingunn in Not

26.03.2020

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Die wirklich Leidtragende in der aktuellen Krise ist nun Ingunn. Ihr Leben wurden in voller Fahrt gestoppt. Natürlich können junge Frauen nicht alleine leben. Niemand kann alleine leben im Jahr 1282 in Norwegen. Man muss in einem Kloster leben oder auf einem der vielen Höfe. Das Kloster ist ihr aus den bekannten Gründen verwehrt.

So kommt Ingunn nun zu Frau Magnhild, das ist ihre Tante väterlicherseits. Die war kinderlos geblieben und hatte ihr Leben hindurch versucht, gute Werke zu tun, indem sie junge Mädchen bei sich aufnahm, um sie nach höfischer Weise zu erziehen. Denn sie selbst hatte viel Zeit am Königshof verbracht.

Ingunn und ihre Schwester Tora hätten schon als Kinder zu ihr kommen sollen, um entsprechend erzogen zu werden, aber die Eltern hatten sich dem verweigert. Frau Magnhild sieht sich bestätigt - die mangelnde Erziehung der Eltern sei schuld daran, dass Ingunn mit dem Pflegebruder ein Verhältnis eingegangen ist. Auf jeden Fall hat nun Ingunn Schande über die Sippe gebracht, noch schwerwiegender wäre das, wenn sie denn schwanger wäre, was sie aber nicht ist.

Frau Magnhild empfängt Ingunn überraschend freundlich. Das ist auch nötig. Denn das Mädchen leidet sehr an den herrschenden Verhältnissen. Die Eltern tot, der Mann weg, kein Freund weit und breit bis auf den Bischof. Allerdings besteht Frau Magnhild sofort darauf, dass Ingunn das Zeichen der Ehe, die Haube mit Tuch, absetzt, obwohl doch der Bischof Ingunn angewiesen hatte, die Haube zu tragen:


Mit Haube und Tuch hat Anders Castus Svarstad im Jahr 1911 seine Frau Sigrid Undset in Rom gezeichnet.

Foto: gemeinfrei. Bild von Anders Castus Svarstad - https://www.most.ba/082/034.aspx?izbor=slika1, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=77772353


(...) er sagte, keine sittsame Frau gehe noch mit bloßem Kopf, wenn sie nicht mehr Jungfrau sei.

und noch Ärgeres geht ihr durch den Kopf::

Nun müssen wohl alle Leute noch Schlimmeres von mir denken (...) ich sei ein schamloses Weib - wenn ich jetzt mit bloßem Kopf gehen muß - ohne daß ich ein Recht dazu habe - so wie die Dirnen es tun.

Das interessiert aber Frau Magnhild nicht, die den Bischof für einen Wirrkopf hält. Ihr ist daran gelegen, dass es kein Gerede in der Nachbarschaft gibt. Und angeblich dient das auch dazu, die demente Großmutter ruhig zu halten:

(...) wir müßten ihr jeden Tag von neuem erklären, warum du in Frauenkleidern gehst

wo doch kein Ehemann in der Nähe ist.

Außerdem fürchtet sie, dass bei den Verwandten wieder Unruhe aufkommen könnte, wegen der alten Forderungen, und der Hass gegen Olav wieder aufflackern würde. Denn die Onkel haben versprochen, Ruhe zu geben, wenn Ingunn sich sittsam verhält.

Ingunn entwickelt eine schwere psychische Erkrankung, die sie sogar lähmt. Erst als es zu einem Brand kommt und ein Kleinkind in Gefahr gerät, kann sie sich aus dieser Starre lösen.

Sie wird dann viel Zeit in der Kirche verbringen, denn dort ist das Tragen einer Haube Pflicht und niemand kann es ihr verbieten. Ansonsten wird sie sich in Traumwelten zurückziehen.

Es kommt der Frühling und mit ihm die Nachricht, dass der Bischof seines Amtes enthoben wurde. Diese Anweisung war ergangen von dem "Königlichen Rat", der die regierenden Königskinder vertritt. Wobei dieser  Bischof das Schicksal auch des Erzbischofs und anderer Bischöfe teilte. Eben zu der Zeit, als der Rat eingesetzt wurde, hatte ja auch eine entsprechende Bischofssynode stattgefunden.

Es kommt nun heraus, dass Ingunn genau unter die neuen machthabenden Barone hätte verheiratet werden sollen. Und der aktuelle Kirchspiel-Priester, der die Familie informiert, stellt nun alles so dar, als habe die Sache mit Olav und Ingunn zu diesen ganzen Suspendierungen geführt. Einfach um sicherzustellen, dass er keine Schwierigkeiten mit diesen nun mächtigen Verwandten Ingunns zu erwarten hat.

Für Ingunn selbst wird die Situation nun nochmals rabenschwärzer. Denn nun gibt es niemanden mehr, der auf ihrer Seite steht. Und niemanden, der Olav in seiner Rechtsauffassung vertreten könnte.

Alles spitzt sich dann sogar nochmal zu, als im Advent ihre zwei Jahre jüngere schwangere Schwester Tora mitsamt ebenso unfreundlichem wie  schielendem Ehemann auch auf den Hof gezogen kommt. Die Schwester verhält sich zwar eher mitleidig, fährt aber Hass gegen Olav, wegen des Verwandtenmordes. Der Schwager hingegen ist aggressiv und macht keinen Hehl daraus, dass er die Sippe beschädigt sieht durch Ingunns Fehltritt.