Ich bin dumm wie ein Brot

24.04.2021

Ich war ja ganz sicher, daß der Peter Handke dran ist, der lebende Klassiker.

Ich hab gebetet, daß er nicht stirbt oder krank wird oder wieder irgendwelche Blödheiten über Serbien äußert.

Ja, die Jelinek hat stets das richtige Gespür - für andere. Sie äußerte das in einem bemerkenswerten Interview, das der leider zu früh verstorbene Journalist André Müller mit ihr führte, direkt nachdem sie mit dem Literaturnobelpreis geadelt war.

Ihre eigene Meinung zur Jelinek steht nämlich fest. Sie darf über sich sagen, dass sie Preise und Ehrungen nicht verdient. Andere aber dürfen das nicht sagen. 

Besonders nicht der Vatikan. Dort hatte man sich darüber aufgeregt, dass eine "nihilistische Neurotikerin" ausgezeichnet wurde.

Unchristlich sei das, befindet die Ausgezeichnete.

Das fand ich besonders schlimm, denn der Vatikan sollte doch eigentlich auf der Seite der Schwachen und Kranken stehen. Der sollte eher sagen, laßt doch die arme Frau in Ruhe, die kann nicht anders, es ist schön, daß sie ihn bekommen hat, auch wenn nihilistisch ist, was sie schreibt. Der Vatikan müßte doch die Mühseligen und Beladenen schützen.

Auch schlimm der andere Papst jener Tage: Marcel Reich-Ranicki. Eine tolle Frau sei sie, leider ohne gutes Buch.

Eine Demütigung, nennt das die Jelinek. Verachte sie sich schließlich selbst schon genug.

Der einzige Kritiker, den sie akzeptiert ist der Autor Martin Mosebach. Denn der habe sie 

einen der dümmsten Menschen der Hemisphere


genannt. Und das sei sie eben. Als sie vom Fernsehen zu einer philosophischen Diskussion eingeladen wurde, habe sie abgelehnt mit dem Hinweis: Ich bin dumm wie ein Brot. Ich kann das nicht.*

Außer ihr selbst hat das zum Glück noch niemand mitbekommen.

Die zahllosen Preise, die sie alleine zwischen 1969 und dem Literaturnobelpreis in Deutschland und Österreich eingefahren hat, erzählen da eine ganz andere Geschichte. 

  • 1969 Preis der Österreichischen Jugendkulturwoche Innsbruck
  • 1969 Preis des Lyrikwettbewerbs der Österreichischen Hochschülerschaft
  • 1972 Staatsstipendium des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst für Literatur
  • 1978 Roswitha-Gedenkmedaille für Literatur der Stadt Bad Gandersheim
  • 1979 Buchprämie des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst
  • 1979 Drehbuchpreis des Innenministeriums der Bundesrepublik Deutschland
  • 1983 Würdigungspreis des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst für Literatur
  • 1986 Heinrich-Böll-Preis für Literatur der Stadt Köln
  • 1987 Literaturpreis des Landes Steiermark
  • 1989 Würdigungspreis der Stadt Wien für Literatur
  • 1993 "Dramatikerin des Jahres" der Zeitschrift "Theater heute"
  • 1994 Peter-Weiss-Preis für Literatur der Stadt Bochum
  • 1994 Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen
  • 1996 Bremer Literaturpreis der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung
  • 1997 "Hörspiel des Monats" der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste
  • 1998 Georg-Büchner-Preis
  • 2000 manuskripte-Preis des Landes Steiermark
  • 2002 Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf
  • 2002 Theaterpreis Berlin
  • 2002 Mülheimer Dramatikerpreis (für Macht nichts)
  • 2003 Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis, Mainz
  • 2004 Lessing-Preis für Kritik, Wolfenbüttel
  • 2004 Stig Dagerman-Preis, Laxön, Schweden
  • 2004 Hörspielpreis der Kriegsblinden des Bundes der Kriegsblinden Deutschlands, Berlin
  • 2004 Tschechischer Franz Kafka Literaturpreis
  • 2004 Mülheimer Dramatikerpreis (für Das Werk)
  • 2004 Nobelpreis für Literatur
  • 2007 Dramatikerin des Jahres der Zeitschrift Theater heute
  • 2009 Mülheimer Dramatikerpreis (für Rechnitz/Der Würgeengel)
  • 2011 Mülheimer Dramatikerpreis (für Winterreise)
  • 2013 Nestroypreis/bestes Stück (für schatten/eurydike sagt)

Alles von Rang ist dabei.

Manche ihrer Theaterstücke (wie eben z.B. Winterreise) gehören zu den meistgespielten deutschsprachigen Stücken, mit teilweise mehr als 20 verschiedenen Inszenierungen.

Ich verstehe nicht, wieso sie bei ihrer Selbsteinschätzung so sehr danebenliegt.

Eine Antwort gelingt dem Schauspieler und Theaterregisseur Isaak Dentler, der ihr zum 70. einen Film geschenkt hat. Er beginnt mit Udo Jürgens - und endet mit "Immer wieder, immer wieder Jelinek".


* Zum gesamten Text des Interviews, das  im November 2004 in der "Weltwoche", der "Berliner Zeitung" und dem Wiener "profil" erschien, geht es hier.