Hirten, Bauern, Beamte

14.02.2020

Zu Beginn des Romans werden neben der kleinen Cosima noch weitere Kinder der Familie vorgestellt.

Da ist der älteste Sohn der Familie, Santus. Er ist schnell charakterisiert:

Er ist wenig sinnlich, eher kühl: Seine Phantasie hält sich in Grenzen, und die Frauen bedeuten ihm noch nichts. Er denkt nur ans Lernen, nur daran, die Dinge des Lebens zu ergründen, aber eben aus Büchern.

Nein, Phantasie hat er nicht, aber vielleicht auch solche visionären Kräfte wie seine kleine Schwester, und vielleicht kommt er auch aus einer fernen Welt, jenseits der rauhen Wirklichkeit.

Ok. Aber beschreibt eine veristische/realistische  Autorin ihre Geschwister so in einer Autobiographie?

Es gibt auch zwei Schwestern, Enza und Giovanna. Die werden erstmal nur nach ihren Äußerlichkeiten charakterisiert:

Beide sind klein und einander so ähnlich wie Zwillinge mit ihren blauen Augen, und das schwarze dichte Haar ist hinten zu einem dicken Zopf geflochten, der mit einem Löckchen endet, sie sind wirklich lustig angezogen (...). Und Kopftücher aus Seide; die allerdings binden sie schon kokett über der linken Wange, so dass Kopf und Haar zur Hälfte unbedeckt sind.

Giovanna hat ab diesem Zeitpunkt nicht mehr lange zu leben. Sie wird sehr bald einer Infektion erliegen, die auch der kleinen Cosima sehr zu schaffen machen wird.

Und dann gibt es noch Andrea. Für die schon erwähnte Magd Nanna ist er das Herzenskind. Den vergöttert sie:

Wie ein Hirte kommst du mir vor (...) Trink das, trink mein Lämmchen.

So sagt sie, als sie ihm Milch einschenkt. Er antwortet:

Ich bin ein reicher Hirte, und er ist nur ein armer Bettelmann, ein schäbiger Säufer. So redet Andrea über seinen Lateinlehrer. Und er sagt das aus Überzeugung, denn alle Leute, die von geistiger Arbeit leben, sind für ihn ärmer dran als Viehhirten (...) Er hat in der Tat die Ansichten eines reichen Hirten, der zwar ein hartes Leben führt, doch Vieh besitzt, Ländereien und Geld. Und vor allem Handlungsfreiheit für gute und schlechte Taten.

Da diese Fragestellung rund um Hirten, Bauern, Beamte schon am Romananfang fast etwas penetrant behandelt wird, ist für mich die Frage: 

Sardinien - was bedeutet das eigentlich für Deledda? 

Ich stelle mir vor, die Autorin und nun schon seit vielen Jahren Römerin,  lässt unter dem Eindruck einer schweren Erkrankung ihr Leben Revue passieren - und packt das ganze möglicherweise in eine Botschaft.

Die nationale Tourismusbehörde Italiens ruft auf ihrer Website unter anderem auch zum Besuch Sardiniens auf und schlägt dort eine 200km lange Reise vor, von der Hauptstadt der heute autonomen Region Sardinien, Cagliari, bis zum Ort Grazia Deleddas - Nuoro.

So entdeckt man

Eine tausendjährige Zivilisation sowie deren Kultur und Bräuche. Es gibt nur wenig Information über die antike Nuraghenkultur sowie über ihr Volk von Hirten und Bauern, die in kleinen Gemeinschaften für über acht Jahrhunderte auf Sardinien gelebt haben.

Sie waren diejenigen, die diese bemerkenswerten Bauten errichteten (Es gibt ca. 7000 auf der ganzen Insel), deren Funktion heute noch unklar ist. Es handelt sich vielleicht um Schutzburgen, um Paläste oder auch um Kultstätten.

Quelle: https://www.italia.it/de/reisetipps/kunst-und-geschichte/sardinien-und-die-nuraghen.html

Da findet sich also schon eine erste Antwort: Wer an Sardinien denkt, denkt an die Nuraghen, schon deshalb, weil die Überbleibsel dieser Kultur mit 7.000 Stück nicht übersehen werden können. Auch Deledda wird daran gedacht haben. 

Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal davon gehört.