Grazia Deledda - alternative Biographie

04.02.2020

Wenn man im Netz nach Literaturnobelpreisträgerinnen sucht, spuckt die Suchmaschine eine (vielleicht aufgegebene) Website, offensichtlich der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf aus.  Diese befasst sich mit den Literaturnobelpreisträgerinnen der Jahre 1909 bis 1945, also Selma Lagerlöf, Grazia Deledda, Sigrid Undset, Pearl S. Buck und Gabriela Mistral. Leider bleiben die Angaben dort - und das ist ungewöhnlich für eine wissenschaftliche Arbeit - ohne Hinweise auf die Quellen, denen sie entnommen sind. Es ist also praktisch nicht möglich, die Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Für Grazia Deledda ist das dieser Link:

https://wwwalt.phil-fak.uni-duesseldorf.de/frauenarchiv/npt_neu/deledda.html

Da gibt es durchaus Stellen, die widersprüchlich sind zu den Angaben auf der Nobelpreiswebsite und solche, die ganz neue Aussagen machen.

Über Grazia Deledda steht da z.B. einleitend: 

(...)  wurde in eine wohlhabende Familie geboren. Ihr Vater war ein angesehener Händler mit Anwaltsdiplom.

Grazia Deleddas eigene Aussagen lauteten aber, der Vater habe ein Stück eigenes Land bewirtschaftet und sei ein geselliger Mensch gewesen.

Weiter hilft da vielleicht das Autorinnen Lexikon von Metzler aus dem Jahr 1998, da gibt es nämlich einen Eintrag über Grazia Deledda, erstellt von Annette Riedel, leicht zu erreichen über Google Books und mit italienischsprachigen Quellen hinterlegt:

https://books.google.de/books?id=eqQmDgAAQBAJ&pg=PA120&lpg=PA120&dq=deledda+metzler+autorinnen+lexikon&source=bl&ots=hb18fBZCr_&sig=ACfU3U0D3s-9ftjF74x_ESMrAHFBplyUMw&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwjMw7z0vLjnAhVpMewKHYS4CSUQ6AEwDXoECAkQAQ#v=onepage&q=deledda%20metzler%20autorinnen%20lexikon&f=false

Darauf gekommen bin ich erst, als ich dem Hinweis auf ein Pseudonym nachgegangen bin, das Deledda benutzt hat: Ilia de Saint-Ismael, unter diesem Namen hat sie nämlich den Roman "Stella di Oriente" als Feuilletonroman in einer Zeitung veröffentlicht.

Und über Deleddas Herkunft heißt es bei Annette Riedel:

(...) wächst zusammen mit fünf Geschwistern in einem wohlhabenden Elternhaus auf.

Da kommt man also auch nicht weiter. Möglicherweise müsste man nun den autobiographischen Roman "Cosima" lesen, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Vielleicht wurde hier zunächst Dichtung mit Wahrheit vermischt und dann als Wahrheit angenommen. Oder die Nobelstiftung hat Deledda mit Absicht als einfaches Bauernkind dargestellt.

Wichtigere Hinweise gibt Riedel auf jeden Fall hinsichtlich der Bildung von Grazia Deledda, denn von vier Grundschuljahren bis zur Nobelpreisträgerin ist es ein eigentlich (zu) langer Weg.

Sie bildete sich

autodidaktisch durch die Lektüre bedeutender Schriftsteller weiter.

Genannt werden vor allem D'Annunzio, Hugo, Flaubert, Dostojevski, Gogol und Tolstoi.

Um das literarische Geschehen auf dem Festland verfolgen zu können, liest sie sämtliche italienische  Zeitungen und Zeitschriften.

Schon in ihrer Jugend träumt D. von einer Karriere als Schriftstellerin in Rom,

das für sie - im Gegensatz zum archaischen Sardinien -

den Inbegriff der zivilisierten Welt darstellt.

D.'s schriftstellerische Ambitionen werden von ihrer Familie nicht gutgeheißen, da sich eine derartige Selbständigkeit für ein Mädchen aus gutem Haus nicht ziemte.

So kommt sie möglicherweise auf die Idee, ein Pseudonym zu benutzen, wie oben gesagt.  Und sie schreibt weiter und das mündet in Veröffentlichungen von Gedichten, Erzählungen und Feuilletonromanen.

Dann folgt im Jahr 1900 die Hochzeit  mit Palmiro Madesani, einem nach Aussage von Riedel "hohen Finanzbeamten" und der erwünschte, erträumte Umzug nach Rom.

Dort lebt sie zurückgezogen. Neben der Hausarbeit und der Erziehung der beiden Söhne schreibt sie. Es ist ihre schriftstellerisch fruchtbarste Zeit. Es entstehen Elias Portolu, Schilfrohr im Winde, Marianne Sirca und La Madre, für das sie letztlich in der Hauptsache mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Es geht stets, so Riedel, um die Leidenschaften von

Frauen, Dienern, Herren, Hirten, Bauern, Banditen.

Eine unmögliche oder sündhafte Liebe bringt die Figuren in Konflikte mit dem Gesetz, der Gesellschaft, der Kirche - macht sie zu Außenseitern.

Genau dieses könnte auch einen Hinweis geben, warum der Christian in "Das Geheimnis" eine solche Angst hat. Und weshalb die Darstellung der Frauen so ist, wie sie ist. 

Mal schauen, wie es im Roman weitergeht.