Gabriela Mistral: Heilige, indigene Mutter der Nation und internationale Intellektuelle

17.05.2020

Foto ca.1940: gemeinfrei. By Unknown - Arquivo Nacional, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=73409800

Seit dem Jahr 2007 steht der Nachlass Mistrals in der chilenischen Nationalbibliothek für die Forschung zur Verfügung. Die Nachlassverwalterin ihrer letzten Lebensgefährtin hatte das Konvolut übergeben. Viele neue Studien werden hoffentlich daraus folgen.

Denn bis heute gibt es eine kritische Biografie Mistrals ebensowenig wie eine Werkausgabe ihres literarischen Schaffens.

Was es vor allem gibt, ist ein festzementiertes Bild von ihr - funkelnd in verschiedene Richtungen, je nach Interessenlage des Betrachters.

Ab dem Jahr 1922, ihr wichtigstes Werk, Desolacion war in der Welt, lehrte sie im nachrevolutionären Mexiko. Die Landschullehrerin und Dichterin wurde so einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Noch bekannter dann ein Jahr später durch Herausgabe der literarischen Anthologie Lecturas para mujeres - Lektüre für Frauen, in Mexiko. Kennzeichen ihres frühen Einsatzes für Frauen- und Mädchenbildung.

In den Jahren 1924 und 1938 erschienen mit Ternura und Tala zwei weitere Gedichtbände. Nach ihrer Rückkehr aus Mexiko wurde Gabriela Mistral als Vertreterin Chiles an das Institut International de Coopération Intellectuelle in Paris entsandt. Ab 1932 war sie im diplomatischen Dienst Chiles in Italien, Spanien, Portugal und Frankreich tätig und wurde schließlich ab dem Jahr 1940 Konsulin ihres Landes in Brasilien. Da wurden auch ihre Gedichtbände neu aufgelegt.

Die Zeit in Brasilien erlebte sie unter anderem wohl auch als traumatisch. Nach eigenen Angaben war sie mit Stefan Zweig befreundet, der in ihrer Nachbarschaft lebte und sich überraschend gemeinsam mit seiner Frau Lotte im Jahr 1942 das Leben nahm.  Ebenso durch Selbstmord starb ihr Neffe und Adoptivsohn Juan Miguel ein Jahr später.

Doch es war auch in Brasilien, 1945, wo der Anruf der Akademie sie erreichte: Literaturnobelpreis.

Immer schon war sie Teil des lateinamerikanischen Literaturkanons gewesen - und nun endgültig zur Ikone geworden.

Divina Gabriela wurde sie genannt, Santa Gabriela Mistral. Sie war DAS Vorbild: die geistige Mutter Lateinamerikas.

Ihr hohes pädagogisches Ideal, ihre hingebungsvolle Arbeit als Lehrerin - auch auf dem Land - , die tragischen Ereignisse ihres Lebens, eine Poesie, in der es um die Achtung von Frauen, Kindern und ihrer Rechte ging - das alles wurde gutiert auf eine Art, die an Heiligenverehrung grenzte.

Man hätte sich aber auch stoßen können am bedeutungsschweren Mutterbild, am traditionellen Frauenbild, an den Stereotypen. Stichwort: Konservatismus.

Manche haben sich tatsächlich an ihr gestoßen - wenn auch mit einer ganz anderen Stoßrichtung: 

Den Gedichten aus Desolacion hatte Mistral, die ihr Werk immer wieder durchredigierte und dabei veränderte, die Prosaminiaturen Gedichte der traurigsten aller Mütter beigefügt. Eine davon findet sich in der Einführung zur Autorin auf der Homepage. 

Es geht um die Verachtung schwangerer Frauen durch Männer, aber auch durch andere Frauen. Offensichtlich gab es tatsächlich Menschen, die sie zwingen wollten, diese winzigen Prosastücke wieder zu entfernen. In einer Anmerkung schreibt sie dazu:

Einer von uns muss die Heiligkeit dieses schmerzvollen und göttlichen Zustandes aussprechen (da die Männer es nicht getan haben). Wenn es Aufgabe der Kunst ist, alles in unendlichem Erbarmen zu verschönern, warum haben wir dann diesen Zustand noch nicht geläutert in den Augen der Unreinen? (...) 

Einige von jenen Frauen, die, um keusch zu sein, es nötig haben, die Augen vor der grausamen, aber vom Schicksal gewollten Wirklichkeit zu verschließen, sprachen ein vernichtendes Urteil über diese Gedichte aus, das mich um ihretwillen traurig machte. Sie muteten mir sogar zu, sie aus meinem Buch zu streichen. (...) 

 Nein! Sie sollen drin bleiben, den Frauen gewidmet, die fähig sind, zu sehen, dass die Heiligkeit des Lebens aus der Mütterlichkeit entspringt, die ihrerseits wieder darum geheiligt ist. 

Möchten Sie die tiefe Zärtlichkeit spüren, mit der eine Frau, die auf Erden fremde Kinder hütet, die Mütter aller Kinder der Welt anblickt!*

Hier lässt sich viel reininterpretieren. Sicher ist aber, bei all ihrer eigenen Religiosität, ihre Ablehnung der spanischen katholischen Kirche, allenfalls fühlte sie wohl eine Nähe zu Teresa von Avila.

Stichwort reininterpretieren. Manche gingen dabei zu weit, als sie den Neffen und Adoptivsohn zum leiblichen Kind Mistrals erklären wollten. Das war auch die Zeit, als über ihre Homosexualität gerätselt wurde. Eines vermutlich zu Recht, das andere ist widerlegt.

Gabriela Mistral darf man sicher als interessant-schillernde Persönlichkeit denken. Sie spielte mit ihrer multiethnischen Herkunft. Sie hatte ein Gefühl für Selbstinszenierung.

Aber auf jeden Fall war und ist sie mehr als ihre Gedichte! Was ihre pädagogische Arbeit angeht, muss sie auch als über Erziehung reflektierende, diplomatische Intellektuelle gesehen werden, die großartig auf dem kosmopolitischen Parkett zurechtkam. Da stand dann nichts Indigenes im Vordergrund, wenn es ihr nicht nutzte.

Als Literaturnobelpreisträgerin war sie deswegen - mindestens rückblickend betrachtet - auch mehr als nur  der "Ersatz für den verstorbenen Paul Valéry". 

Immerhin darf die Verleihung als Auftakt der verstärkten Wahrnehmung lateinamerikanischer Literatur gelten, wie sie dann in den 60er Jahren so richtig aufblühen würde. Spätestens der Kalte Krieg hatte die Sicht Kultur-Europas auf Lateinamerika verändert.

Ihr Engagement für den Humanismus, die Forderung, kulturelle Andersartigkeiten zu akzeptieren, ihre Art, über Frieden und kulturellen Wiederaufbau zu reden, darf als zentral gelten für den interkulturellen Dialog über den Atlantik hinweg. Ihre Stimme, besonders in Frankreich, tönte dabei laut.

Wer die Stimme dieser besonderen Frau hören möchte, hat unter dem Link Gelegenheit dazu:

https://www.loc.gov/item/77751925/

Am 12. Dezember 1950 hat sie in den USA ihre Lyrik für das Archiv der lateinamerikanischen Literatur eingelesen. In der Kongressbibliothek (LoC) in Washington ist diese Aufnahme erhalten.

Sie liest:

Aus Ternura: Meciendo (min. 00:11), Apegado a mí (min. 01:00); Dormida (min. 1:40); Canción quechua (min. 2:33); Sueño grande (min. 3:19); Arrullo patagón (min. 4:30); Ronda de la ceiba ecuatoriana (min. 5:29); Ronda de segadores (min. 7:04); Encargos (min. 7:56); Miedo (min. 9:32); Bendiciones (min. 10:52); El hijo (min. 12:29); La cajita de Olinalá (min. 14:17); La manca (min. 15:59); La casa (min. 16:57) -- Aus Lagar: Una palabra (min. 18:30) --Aus Tala: País de la ausencia (min. 20:19); Recado a Lolita Arriaga en México (min. 21:50).


Viele neue Informationen verdanke ich einem Aufsatz zu Gabriela Mistral von Frau Prof. Dr. Susanne Klengel. Sie arbeitet am Institut für Lateinamerika-Studien der Freien Universität Berlin. Der Aufsatz erschien in dem Band Nobelpreisträgerinnen. 14 Schriftstellerinnen im Portrait. Herausgegeben von Claudia Olk und Susanne Zepp. De Gruyter 2019 und ist unten zum Download bereit. Ich habe den Text für den Blog ein bisschen auseinandergerupft und teilweise vereinfacht wiedergegeben.

*Gabriela Mistral: Spürst du meine Zärtlichkeit? Verlag die Waage Zürich 1981. S. 24/25.