Fazit: Ein großartiger Roman!

09.02.2020

Der Roman DAS GEHEIMNIS, der (bei Erscheinen tatsächlich) Literaturnobelpreisträgerin Grazia Deledda, hinterließ mich echt sprachlos. Er ist vielleicht als eine Art Fazit des Lebens zu sehen, dieser sogar in den großen Momenten absolut stoisch wirkenden, schreibenden Frau. Ich bin jetzt richtig gespannt auf das postum erschienene "Cosima", das ich glücklicherweise gebraucht ergattern konnte.

Der/die Künstler*In gehört nicht ins Leben, sondern in die Abgeschiedenheit des heimischen Ateliers/Schreibtisches/Klaviers, scheint Deleddas Devise zu sein. So oder ähnlich lässt sie nämlich die neue Nachbarin von Christian mutmaßen, die aus seiner scheinbar selbstgewählten Einsamkeit den Schluss zieht, dass er wohl Künstler sein müsse:

Bei einem Künstler ist es doch wohl am leichtesten verständlich, daß er sich eines Tages von allem abzuschließen und das Leben eines Einsiedlers zu führen versucht.

Aber Einsamkeit ist eigentlich zu gar nichts gut. Schon gar nicht taugt sie zur Verbesserung des Menschen, sei er nun Künstler oder nicht. Christian merkt schnell:

Nein, die Einsamkeit genügte nicht, um den Menschen zu läutern.

Und genau so werden - den gesamten Roman durch - lauter ewig-wichtige moralische Fragen gestellt und gleichberechtigt diskutiert, ohne dass auch nur eine von ihnen beantwortet würde:

Ist es besser, in der Stadt zu leben als auf dem Land?

Ist es besser, ein religiöser Mensch zu sein - oder nicht?

Ist es besser, reich und unglücklich zu sein - oder ist arm zu sein, dafür aber glücklich, auch in Ordnung?

Ist es besser krank zu sein - Oder ist es besser tot zu sein?

Ist ein Mensch mit schwerer Krankheit besser zu Hause aufgehoben - oder in einer Einrichtung?

Ist es besser dort zu sein, wo man ist - oder ist es automatisch anderswo besser?

Interessiert sich die Natur genauso für den Menschen wie der Mensch sich für die Natur interessiert?

Darf man Tiere schlechter behandeln als Menschen?

Ist es besser, Kinder zu haben - oder ist es besser, keine Kinder zu haben?

Wenn man Kinder hat, darf man sie dann zu irgendetwas zwingen?

Ist es immer gut, gebildet zu sein? Oder hat ungebildet zu sein auch Vorteile?

Wann ist Liebe unmöglich und/oder sündhaft?

Ist es überhaupt wichtig, jemanden zu lieben?

Ist es wichtig, wer von zwei Partnern jünger oder älter ist?

Wie gefährlich ist Abhängigkeit? Wie gefährlich ist Freiheit?

Deledda packt gesellschaftliche Tabu-Themen an in ihren Romanen (...)

 konstatierte Annette Riedel im Metzler Autorinnen Lexikon

und klopft diese unter moralischen Gesichtspunkten ab, würde ich sagen, bezogen auf DAS GEHEIMNIS. 

Aber Deledda entscheidet nicht für die Lesenden. Bei ihr gibt es kein: Du musst! Oder Du darfst nicht!

Du musst auch nicht lächeln, nur weil du einen wichtigen Preis bekommst. Du musst keine schlauen Sätze sagen, nur weil ein Journalist im Haus ist.  Du musst nicht lächeln, nur weil eine Kamera auf dich gerichtet ist.

Dieses, "Du musst!", "Du darfst nicht!" wird von ihr in DAS GEHEIMNIS als das auslösende Moment eines Problems gesehen.

Es treibt die Protagonist*innen dann zur Sühne, vielleicht zum Geständnis - daraus erfolgt aber   keinerlei Erlösung. Es verbessert sich auch nichts.

Die besten Momente von Christian sind dann noch die, wenn er liest, aber möglichst keine Zeitung, auch nicht (nach Inselzustellung)  Tage später:

Wenn die Dämmerung auf das Land herabsank, schloß er sich in seinem Hause ein, zündete die Petroleumlampe an und las die eine Woche alten Zeitungen. Aber auch durch die gedruckten Zeitungen ging ein dumpfes Dröhnen, ein Hauch von Tod, ein Schimmer von Blut. Not und Elend walteten in der Welt.

Stattdessen

Und zu seiner Verwunderung mußte er sehen, wie er mit freudig klopfendem Herzen rührselige Bücher las wie früher: Bücher, die die ganze Freude und das ganze Leid seiner Jugend gewesen waren. Zarte, längst vergessene Gedichte, die er einmal irgendwo gelesen oder gehört hatte, tauchten jetzt plötzlich wieder in seinem Geiste auf, wie Staubflecken, die scheinbar verschwunden waren, aber jetzt auf einmal wieder sichtbar werden, im Schein der Sonne, im strömenden Regen - -

Kann man das überhaupt schöner beschreiben?

Letztlich sind die Menschen in DAS GEHEIMNIS  auf sich alleine gestellt. Jede*r Einzelne. Sie treffen Entscheidungen oder sie treffen keine: um die Konsequenzen kommen sie nicht herum.

Als Christians Mutter sich in einen viel jüngeren Mann verliebt, droht er, sie in ein Sanatorium abzuschieben. Aber sie weiß, wie sie das verhindern kann - und trifft eine Entscheidung.

Wenn man durch unstandesgemäße Ehen Probleme bekommt, dann ist das eben so!

Und letztlich ändert die Liebe an allem auch nichts:

Ein ewiges Missverständnis scheint zwischen zwei Liebenden zu bestehen.

Die frische und schnörkellose Sprache Deleddas  bei kompletter Abwesenheit von Sentimentalität macht diesen kleinen Roman wirklich zu einem großen Erlebnis.

Da ist es jetzt außerordentlich zu begrüßen, dass die Digitalisierung uns Werke von Frauen erhalten hat und zugänglich gemacht, obwohl sie nicht großartig rezipiert wurden und dann eben auch nur wenig gedruckt und beachtet. 

Wenigstens vier Romane Deleddas sind so gemeinfrei zu beziehen. Es soll keine Werbung sein, aber am einfachsten geht das wohl über Amazon. Das sind "Flucht nach Ägypten", "Schilfrohr im Winde", "Bis an die Grenze" und eben - "Das Geheimnis".

Ich empfehle diesen Roman wirklich gerne. Man wird belohnt mit wunderschönen Landschaftsbeschreibungen und zum Nachdenken angeregt, was moralische Fragen angeht, ohne Antworten aufgedrängt zu bekommen.