Dirk Kurbjuweit | Haarmann

02.07.2021

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Penguin Verlag, München 2020. ISBN-13: 9783641238018


Warte, warte nur ein Weilchen
Bald kommt Haarmann auch zu Dir
Mit dem kleinen Hackebeilchen
Macht er Hackefleisch aus Dir
Aus den Augen macht er Sülze
Aus dem Hintern macht er Speck
Aus den Därmen macht er Würste
Und den Rest, den schmeißt er weg


In dem Spottgedicht aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts geht es um den Massenmörder, der nach dem ersten Weltkrieg Niedersachsen, besonders Hannover, in Angst und Schrecken versetzte. Der Journalist und Autor Dirk Kurbjuweit erinnert in seinem gleichnamigen Buch an den Jungsmörder Haarmann.

Der Bochumer Kriminalkommissar Robert Lahnstein, der wegen einer persönlichen Sache des besetzten Ruhrgebiets verwiesen worden war, gelangt auf Empfehlung des Bochumer Polizeipräsidenten nach Hannover, um dort endlich den Unbekannten dingfest zu machen, der in Verdacht steht, für das Verschwinden von bisher zehn jungen Männern verantwortlich zu sein.

Für Lahnstein, der selbst unter kriegsbedingten Traumata leidet, beginnt ein Wettlauf gegen eine Chimäre.  Es gibt keine Indizien, kein Name wird genannt, er muss bei null beginnen. Es ist nicht einmal sicher, ob man es überhaupt mit einem Serientäter zu tun hat:

Und wenn es zu Ende war? Kein weiterer Junge mehr vermisst werden würde. Dann hatte er trotzdem zehn Fälle, die er aufklären musste. Seine Hoffnung war der nächste Fall, dass dieser eine Spur offenbarte, ihm eine Leiche lieferte, irgendwas, an das er anknüpfen konnte.
Abscheulicher Gedanke, aber wahr. Er brauchte einen weiteren Fall. Er brauchte einen Toten. Er brauchte einen Mord.

Kurbjuweit erklärt in seinem Roman, wie der Erste Weltkrieg und die darauffolgende Hungerkrise einen solchen Massenmörder im Milieu überhaupt erst möglich machten.

Machenschaften bei der Polizei, die zwischen Monarchie und aufkommendem Nationalsozialismus hin und her mäandert, gehörten ebenso dazu wie Träume von der Fremdenlegion, die die Jungs träumten, die im Krieg nicht zum Zug gekommen waren.

Zerrüttete Familien, die der Verbleib ihres männlichen Nachwuchses nicht kümmerte. Schwule Männer, denen eher an der eigenen Bereicherung als am Anzeigen der ihnen bekannten Gräueltaten gelegen war. Zeuginnen, deren Aussagen nicht für wichtig erachtet wurden, weil sie der Prostitution nachgingen.

Eine ganze traumatisierte Gesellschaft, die fühlte, dass der Verlust von gut  20 Jungs durch Haarmann nichts ist, im Vergleich zu den Tausenden Jungs, die der Kaiser verheizt hatte. In diesen Tagen gibt es eigentlich nur eine einzige Antwort auf alle Fragen, die die Bürger betreffen: Versailles. Mit eben diesem Vertrag wurde auch dem letzten Mann, der letzten Frau klar gemacht, der Krieg war verloren gegangen.

Der Täter indes  hat noch nicht genug von seinen Taten:

Er holte eine Bastmatte aus einem Schrank, ein paar Lumpen und ein Beil. Das alles legte er auf den kleinen Küchentisch, stellte die Kaffeetasse daneben. Er schnitt den Kopf vom Rumpf und legte ihn auf die Bastmatte. Er trennte die behaarte Kopfhaut ab, wie ein Indianer, der sein Opfer skalpiert. Das war der Gedanke, den er jedes Mal dabei hatte und der ihn schmunzeln ließ.

Wahrhaftig starker Tobak. Aber eben nicht dem Gehirn eines Thrillerautors entschlüpft, sondern verrohte Realität. 27 Fälle konnte der Staatsanwalt schließlich zur Anklage bringen. Neun davon hatte Haarmann zugegeben, zwölf weitere als möglich bezeichnet, sechs bestritten.

Unbedingte Lese- bzw. Hörempfehlung für die mit den nicht allzu schwachen Gemütern. Shenja Lacher liest das nämlich Buch großartig, die Haarmann-Passagen geradezu beängstigend gruselig ein.

Von mir fünf goldene Hackebeilchen.