Die Mutter

01.03.2020


Mit der Geburt von Ulvhild verbessert sich die Lage der kleinen Familie noch einmal. Die Mutter Ragnfrid gewinnt wieder etwas mehr Lebensmut, kann ihre Krankheit in den Hintergrund drängen. So vergehen drei sehr gute Jahre. Lavrans baut ein neues Haus, die Kinder spielen auf der Baustelle, da geschieht ein Unglück. Das Kleinkind gerät unter einen herabstürzenden Balken. Ob es überlebt, bleibt lange unklar. 

Es gibt ja noch keine Ärzte. Gott ist der große Heiler, gemeinsam mit den Heiligen natürlich. Für die kleineren Malaisen ist der Gemeindepfarrer zuständig. Als das Unglück passiert, ist der Priester nicht zu erreichen, und Ragnfrid verlangt, dass die Frau Aashild gerufen wird.

Kristin versteht die Welt nicht mehr:

Die Mutter hatte Frau Aashild nie rufen lassen wollen (...). Sie sei eine Zauberin, sagten die Leute - der Bischof in Oslo und das Domkapitel hatten über sie zu Gericht gesessen, man hätte sie hingerichtet oder verbrannt, wäre sie nicht von so hoher Geburt gewesen, daß sie gleichsam für eine Schwester der Königin Ingebjörg angesehen wurde. - Die Leute sagten, sie habe ihrem ersten Mann Gift gegeben, und den, den sie jetzt habe, Herrn Björn, habe sie an sich gehext; er sei jung genug, um ihr Sohn zu sein.

Hier vielleicht eine kurze Erklärung zur Königin Ingeborg (Ingeborg Eriksdatter aus Dänemark):

Sie war die erste Königin, die in Norwegen gekrönt wurde, und die erste, die ein eigenes Lehen zur selbstständigen Nutzung erhalten hat.

Als sie ungefähr sechs Jahre alt war, wurde ihr Vater ermordet. Ihre Mutter zog daraufhin mit den Kindern zu ihren Eltern nach Sachsen zurück. Ingeborg lebte in der Familie aber auch in einem Kloster. Die vier Schwestern erbten vom Vater bedeutende Ländereien. Sowohl auf norwegischer als auch auf schwedischer Seite rechnete man die politischen und ökonomischen Perspektiven aus, die mit den Schwestern verbunden waren. 1260 heiratete der schwedische König Ingeborgs Schwester. Gleichzeitig reifte der Plan, dass Ingeborg den künftigen norwegischen König heiraten sollte.

Es konnte zwischen Schweden, Dänemark und Sachsen keine Erlaubnis dieser Ehe erzielt werden. So fuhr Ingeborg ohne Zustimmung des dänischen Königs und ohne den Segen ihres Vormunds nach Norwegen und heiratete dort prunkvoll.

Ihr dänisches Erbe ging ihr deshalb zu Lebzeiten nicht zu, erst ihrem Sohn gelang die Inanspruchnahme.

Wenn die Frau Aashild eine der vier Schwestern (oder eventuell eine fünfte) ist, muss bei ihr etwas sehr schief gelaufen sein. Aber sie scheint sehr zufrieden mit ihrer Rolle als quicklebendige "Hexe". 

Nebenbei bemerkt: Die Frage, ob es in Ordnung ist, wenn ein junger Mann mit einer älteren Frau liiert ist, spielte ja auch schon in Grazia Deleddas Roman "Das Geheimnis" eine Rolle, ebenso das Thema der psychischen Erkrankungen.

Und nicht nur das, auch bei der Vergabe der Literaturnobelpreise spielten die jeweiligen Staatszugehörigkeiten und politischen Ideen von Union und Nicht-Union ja eine Rolle. Nicht zuletzt liegt das ja auch in der Person der Autorin, die in Dänemark geboren ist und in Norwegen gelebt hat. Deren Vater Norweger war und die Mutter Dänin.

So werden die Staatsraisonen von Schweden, Norwegen und Dänemark sicher immer wieder eine Rolle im großen  Roman von Sigrid Undset spielen.

Auch spannend ist im weiteren Verlauf, dass der Priester Eirik das Kind gemeinsam mit der Heilerin behandeln wird. Die Heilerin bleibt den Sommer über auf dem Hof, und er ist nicht wirklich begeistert, dass nun auch noch Menschen zu ihr gepilgert kommen, lässt es aber ruhig geschehen. Und tatsächlich werden beide zu Freunden, was die Gemeinde sehr freudig aufnimmt, weil sich so niemand entscheiden muss, wer in der Notlage helfen soll.

Unterdessen unterweist Aashild auch Kristin in der Kräuterkunde.

Allerdings fängt es im Familienzweig von Ragnfrid an zu kriseln. Ähnlich wie Königin Ingeborg war sie es, die geerbt hatte, so dass die Familie Björgulfsohn nun so wohlhabend leben kann. Und ihr Bruder ist anscheinend dem Neid verfallen:

Er nannte

seine Schwester ein verrücktes und wahnsinniges Weibsbild (...) und seinen Schwager einen schlappen Kerl und einen Toren, der es nie verstanden habe, seine Frau zu zügeln.

Worauf Ragnfried ihm und seinem Gefolge den Ausgang zeigt.

Für Kristin beschwört das eine weitere Krise herauf:

Sie begriff gut, daß eine große Ungeschicklichkeit geschehen war, wenn die Mutter ihre nächsten Verwandten vom Hofe getrieben hatte. Und zum ersten Mal dämmerte der Gedanke in ihr, daß an der Mutter etwas war, das anders hätte sein sollen - daß sie von anderen Frauen verschieden war.