Die moderne Rheumabehandlung

26.06.2020


Dr. Michael Schwarz-Eywill beschäftigt sich nicht nur als Stations-Arzt in der Reha-Klinik DER FÜRSTENHOF in Bad Pyrmont mit Rheumapatient*innen. Rheuma ist auch sein wissenschaftliches Fachgebiet, wenn er mit Praktikant*innen der Medizinischen Hochschule Hannover oder in Einrichtungen der Universitätsmedizin Oldenburg Fälle bespricht oder Vorlesungen hält.

Rheuma. Wer ist eigentlich betroffen? Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie hat dazu folgende Zahlen veröffentlicht:

Etwa ein Viertel aller Deutschen leidet an Funktionseinschränkungen der Bewegungsorgane.

Etwa 10 Millionen Betroffene haben klinisch manifeste, behandlungsbedürftige chronische Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates.

Knapp sieben Millionen Menschen haben schwere chronische Rückenschmerzen,

etwa fünf Millionen symptomatische Arthrosen.

1,5 Millionen Menschen - zwei Prozent der erwachsenen Bevölkerung leiden unter entzündlich-rheumatischen Erkrankungen.

Hinzu kommen etwa 20.000 rheumakranke Kinder.

Das Lebenszeit-Risiko für eine entzündlich-rheumatische Erkrankung wird nach amerikanischen Daten auf rund 8% für Frauen und 5% für Männer geschätzt.


Ich erinnere mich nur zu gut an meine erste orthopädische Reha, als die Diagnose Rheumatoide Arthritis vom Heim-Rheumatologen nicht bestätigt war. Nach einem Blick auf meine geschwollenen und rotverfärbten Hände rief der Stationsarzt aus: Oh, Sie haben was Entzündliches, da bin ich raus. Ich bin nur Orthopäde. Ich geb Sie weiter an die Oberärztin, die kennt sich wenigstens aus mit Morbus Bechterew.

Es gibt also offensichtlich mehrere Sorten von Rheuma, die entzündlichen und die anderen. 

Das Wort Rheuma stammt übrigens aus dem griechischen Altertum und bedeutet eigentlich Fluss oder Strömung. Das widerspiegelt zum einen die Vorstellung der antiken Medizin, der zufolge Rheuma von gewissen  Säften komme, die durch den Körper fliessen. Zum anderen passt der Begriff auf den Umstand, dass sich rheumatische Beschwerden, insbesondere die Schmerzen, im Krankheitsverlauf in unterschiedlichen Geweben und Körperregionen bemerkbar machen können. Wobei ich dazu beisteuern kann, dass sich mein persönlicher rheumatischer Schmerz, tatsächlich als eine Art Fließen oder Rollen bemerkbar macht. Meine aktuelle Therapie hat übrigens genau dieses Fließen oder Rollen zum Stillstand gebracht.

Im Gegensatz zum Orthopäden kann der Rheumatologe sich also nicht weg ducken, wenn Patient*innen ihre schmerzhaften Schwellungen und Rötungen vorzeigen. Er sieht in der Praxis alle oben erwähnten Formen von Funktionseinschränkungen der Bewegungsorgane, muss sie richtig einordnen, um sie dann behandeln zu können.

Im Vorwort zum Band Rheumatologie exemplarisch, schreiben die Autor*innen:

Die klinische Rheumatologie erscheint auf den ersten Blick komplex, teilweise verwirrend und damit auch schwer zu erlernen. Die Vielzahl der Erkrankungen, verbunden mit unzähligen Varianten und Sonderformen, bereitet auch dem Geübten Probleme. Dabei kann das Erkennen von Krankheitsmustern, die abgewandelt oder in gleicher Form immer wiederkehren, sehr nützlich sein.

Der Band beschäftigt sich hierbei eher mit den entzündlichen als mit den degenerativen Erkrankungen, wie zum Beispiel der Arthrose oder dem klassischen "Rücken".

Ich werde den Band hier in einem Extra-Blog etwas genauer vorstellen und  wichtige Begriffe aus der "Rheumatologie" zu klären versuchen.

Da entzündliches Rheuma doch eine eher seltene Erkrankung darstellt, nur etwa zwei Prozent der erwachsenen Bevölkerung leidet ja darunter, gibt es viel Halbwissen und Falsch-Verstandenes, was in den entsprechenden Foren im Internet immer wieder zu umfangreichen Streitereien führt.

Eine besondere Schwierigkeit für Patient*innen mit entzündlichem Rheuma besteht nämlich darin, einen internistischen Rheumatologen zu finden. Den 1,5 Millionen Erkrankten stehen weniger als 800 Ärzte gegenüber. Zwar hat die Medizin in der Behandlung entzündlicher-rheumatischer Erkrankungen große Fortschritte gemacht, um alle Möglichkeiten des Faches umzusetzen, bräuchte es aber wenigstens doppelt so viele internistische Rheumatologen.

Insofern füllt der Band Rheumatologie exemplarisch hier eine Lücke. Ärzte anderer Fachrichtungen und interessierte, weil betroffene, Patient*innen können sich einen ersten Überblick darüber verschaffen, ob die Krankheit überhaupt der Behandlung durch einen internistischen Rheumatologen bedarf. 

Die Autor*innen schreiben hierzu:

Ziel des Buches ist es, anhand von klinischen Fällen eine Orientierung zu geben. Die Fallbeispiele sind so konstruiert, dass ein hoher Wiedererkennungswert entsteht.