Die Ex-Königin und der König

07.03.2020


Durch die Familie ihres Bräutigams Simon gelangt Kristin zur Weihnachtsfeier an den Königshof.  Dort trifft sie auch auf ihren Geliebten Erlend. Die beiden nutzen die sich bietende Gelegenheit entsprechend. Dann kehrt Kristin in die Arme ihres eigentlichen Bräutigams zurück, um erstaunt festzustellen, dass es sich so zweigleisig auch ganz nett fahren lässt: 

Kristin wurde rot wie Blut. Und sie fühlte erschrocken, daß Sie auch Simon Darres Werbung nicht ungern hörte.

Also lustfeindlich ist sie nicht, die Literaturnobelpreisträgerin von 1928 - und sie traut sich auch was, was ihre Figuren betrifft. Die Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts sind literarisch eine aufregende Zeit.

Erstmal aber zu den anwesenden Blaublütern und ihren Ehen, die im Mittelalter in aller Regel komplett lustfrei und rein aus Staatsgründen geschlossen wurden:

Kristin sah all den Staat und die Pracht die dort herrschten - sie waren auch in der Halle, wo König Haakon saß und Frau Isabel Bruce, König Eiriks Witwe. Herr Andrés trat vor und begrüßte den König, während seine Kinder und Kristin etwas weiter hinten standen. Sie dachte an alles was Frau Aashild ihr gesagt hatte; sie erinnerte sich, daß der König Erlends naher Verwandter war, die Mütter ihrer Väter waren Schwestern und sie war Erlends verführtes Weib, sie hatte kein Recht, hier zu stehen, und am allerwenigsten zwischen diesen guten und ehrbaren Menschen, zwischen Ritter Andres' Kindern.

Der König ist Haakon V. Magnusson, der Bruder von Erik II. Also sitzt er dort mit  seiner Schwägerin. Die stammt aus Schottland.

So kann man gut ablesen, wie in Europa über geschickt eingefädelte Ehen Staat gemacht wurde - und wie unterschiedlich das zu dem Leben von Kristin verläuft. Einen zu heiraten, weil man ihn liebte, war nicht vorgesehen. Männer wie Frauen wurden verheiratet:

Isabella kam 1293  zwölfjährig mit ihrem Vater nach Norwegen und heiratete dort König Erik II., der zu dieser Zeit 25 Jahre alt und kinderloser Witwer war. Seine erste Frau Margrete Aleksandersdotter war zehn Jahre vorher gestorben.

Isabellas Großvater und ihr Vater hatten auch schon Ansprüche auf den schottischen Thron erhoben, und nach dem Isabella nun gut verheiratet ist, wurde der Anspruch erneut aktuell, indem Isabellas Bruder Robert de Bruce seinen Anspruch geltend machte.

Das  einzige Wissen über Isabellas Leben an der Seite des Königs ist die Auflistung dessen, was sie als Aussteuer aus Schottland mitbrachte: 

ihre wertvollen Kleider, die genau beschrieben werden, 2 goldene Kessel, 24 Silberteller - 30 Mark und 5 Solidi schwer, 4 silberne Salzfässchen à 9 Mark und 10 Solidi schwer, 12 zweihenkelige Suppentassen (Scyphus), zwei kleine Kronen und anderes mehr. 

1297 bekamen sie und Erik ihr einziges Kind, die Tochter Ingebjörg (1297- um 1357).

Als König Erik 1299 starb kehrte Isabella nicht nach Schottland zurück, auch nicht als ihr Bruder Robert I. tatsächlich 1306 König von Schottland wurde, sondern lebte in Bergen und machte großzügige Schenkungen und Seelengaben an das Bistum  und die dortigen Kirchen und erhielt als Gegenleistung von Bischof Audfinn Sigurdsson einige der Kirche gehörende Gebäude in Bergen zur Nutzung auf Lebenszeit. Sie scheint sich auch  in die Politik eingemischt zu haben.

In ihrem Testament wendete sie der Christkirche in Bergen zu Händen des Bischofs Audfinn Sigurdsson 20 Mark reinen Silbers "in gutem englischem Geld" zu, damit dieser am Jahrestag ihres Todes ein halbes Pfund Wachs erwerbe, ein Opfer von 21 halben englischen Schilling gebe, fünf Arme speise, eine Seelenmesse halte und am Abends vorher und am Morgen alle Kirchenglocken der Stadt läuten lasse, wie es für Häuptlinge üblich sei.

Eine wirklich starke katholische Frau mit eigenem Kopf und  gelungener Integration.

Über König Haakon V. ist zu sagen, dass er ein gelehrter Mann war. Er konnte sogar Reden auf Latein halten. Und er verbesserte noch den Wert der Töchter als Staatskapital:

Im Jahr 1302 hatte er das Thronfolgegesetz geändert, so dass die ehelichen Söhne seiner Tochter in der Thronfolge an die dritte Stelle rückten. Damit wurde die Ehe seiner Tochter zum Politikum - und sie wurde je nach politischem Kalkül an verschiedene Fürsten verlobt. Eben um Staat zu machen.

Kristin mit ihrer neuen Liebe und dem alten Gelöbnis tröstete sich genau hiermit über ihre empfundene Schuld hinweg:

Kristin verstand nicht viel davon, aber sie hörte genau auf das, was der Oheim alles von den Gelöbnissen berichtete, die mit den Königstöchtern eingegangen und wieder gebrochen worden waren. Es tröstete sie, daß es nicht an allen Orten so war wie daheim in ihren Gemeinden, wo ein verabredetes Verspruchsfest für fast eben so bindend wie eine Heirat angesehen wurde. 

Zurück zu Haakon: Seine Regierungsaufgabe sah er vor allem aus katholisch-christlicher Perspektive. Er baute viele Pilger-Hospize. Unterstützte Missionsarbeit, sah aber vor allem zu, dass die Arbeitenden ihren Lohn bekamen.

Er führte auch eine große Verwaltungsreform durch, die Norwegen aufschließen ließ an die Neuzeit mit den Vorbildern aus England und Frankreich.

Bis ins sechzehnte Jahrhundert galt er als heilig, ihm wurden zahlreiche Wunder zugesprochen.


Wer sich  für das Thema "Königsheirat als Geschäftsbeziehung" interessiert, findet unten eine entsprechende Dissertation zum Thema. Vielen Dank an Ingeborg LECHNER.