Die Kastellanin, der Starost, der Medicus

27.12.2019

Auch die Kastellanin Katarzyna Kossakowska und ihre Begleiterin, Frau Drusbacka, verirren sich im babylonischen Sprachgewirr, nachdem ihre neumodisch gefederte Kutsche verunfallt ist. Da helfen ihnen die Reisetruhen voller Kleider, Weißwäsche und Tafelsilber gar nichts. Niemand dort in Rohatyn anno 1752 scheint polnisch zu sprechen. Ruthenisch (ostslawische Sprache, die im Großfürstentum Litauen, im Königreich Polen in Polen-Litauen und in Österreich-Ungarn gesprochen wurde), jiddisch, armenisch, türkisch wird dort gesprochen. Die Begleiterin der Kastellanin wähnt sich in der Wildnis - mit dem gewohnten Großpolen hat das hier nichts zu tun. Der Weg zum Starost wird gesucht, er ist ein Verwandter der Kastellanin. Helfen kann da nur der gerade vorbeispazierende Pater Chmielowski, zurück von seiner Geheimmission.

Der Starost unterdessen parliert nur auf Französisch. Er hat ein Laster, er ist ein Spieler, der nun nicht weiterspielen kann - die Kastellanin fällt ihm gründlich lästig mit ihrem Besuch. Zumal alles noch dadurch erschwert wird, dass sie, ihres Zeichens Machtfrau und Politikerin, unter Schmerzen menstruiert. Ja, ihr Frausein schwächt sie. Doch mit dem, was blutet, müssen und mussten Frauen sich stets  beschäftigen - mit der Geburt, der Menstruation, dem Krieg, dem Raufhandel, dem Einritt, dem Überfall, dem Pogrom.

Als es ihr ein wenig besser geht, outet sie sich als Dichterin, als Verseschmiedin. Damit nun kann Pater Chmielowski nicht viel anfangen.  Auch wenn für ihn gilt: "Bedruckte Blätter wecken in ihm einen unbezwingbaren Drang - zuzugreifen und nicht mehr loszulassen (...). (Er ist der Realität entnommen und Verfasser der ersten polnischsprachigen Enzyklopädie). Im Haus des Starosten trifft er auf den schlauen Bernhardinerpater Pikulski. Das ist derjenige, der Chmielowski zum Juden geschickt hat, wegen der Buchsache. Nun erfährt er, dies sei ein Scherz gewesen. Ein Katholik, ein Pater, ein Dechant beim Juden???  Und als er seinen ertauschten Schatz vorzeigt, wird er ausgelacht. Nein, das vom Rabbi Elischa Schor ertauschte Buch, sei nicht die Sohar - das bedeutendste Schriftwerk der Kabbala, das Buch der jüdischen Mystik, hauptsächlich verfasst in Aramäisch, der Sprache Jesu. Chmielowski sei einem Schwindel aufgesessen. Einer lügt, wer ist es? Der Rabbi oder Pikulski? Wenn Pikulski lügt, ist dann der Rabbi ein Häretiker? Und Chmielowski?

Die Juden sind verhasst in Rohatyn. "Die Juden sind jetzt überall, da muss man nur noch zusehen, wie sie uns auffressen mit Haut und Haar", so wird am Kaffeetisch gesprochen. Ausgenommen davon scheint der Medicus der Stadt zu sein: Ascher Rubin, ausgebildet in Italien, steht zumindest  beim Starost in großem Ansehen.

Rubin macht sich seine eigenen Gedanken über die Welt. Ist das wahrhaftig, was wir sehen, oder entspricht das nur unserer Vorstellung?

Was er weiß, ist, dass es in Rohatyn zwei Sorten von Juden gibt: Die einen glauben, ein bescheidener Messias sei bereits vor Jahren erschienen. Die anderen aber warten auf eine Art Kriegsheld, der dann die weltliche Gewalt an sich reißen wird.