Die Ehe

28.04.2020

Die deutsche Feministin und Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch zitiert in ihrem Archiv der Frauen.Biographieforschung <fembio.org> Pearl Buck in Bezug auf ihre erste Ehe mit den Worten:

18 Jahre gab ich alles, was ich geben konnte, ... und 18 Jahre bekam ich nichts zurück.

1917 hatte Pearl Comfort Sydenstricker (daher das oft benutzte Mittel-S im Namen) den Agrarwissenschaftler John Lossing Buck geheiratet. Es war eine Liebesehe. Sie wurde gegen den Wunsch der Eltern geschlossen, denen John Buck nicht intellektuell genug war. Er arbeitete bei der protestantischen Mission in China als Landwirtschaftsmissionar, um die Chinesen dabei zu unterstützen, eine moderne Form der Landwirtschaft zu entwickeln.

John Buck sprach kaum Chinesisch und hatte so wenig Zugang zur Welt der chinesischen Bauern. Pearl war es, die für ihn übersetzte, sich als interkulturelle Beraterin engagierte, lange bevor der Begriff erfunden wurde. Sie sprach Chinesisch, hatte als Kind bei ihrem Kindermädchen Wang und über das Spiel mit den Nachbarskindern auch Zugang zur Alltagskultur der Chinesen gefunden.

1920 zog das junge Ehepaar nach Nanjing - wo beide an der dortigen Universität arbeiteten. Sie unterrichtetet englische Literatur - er Agarwissenschaft. Im gleichen Jahr wurde die erste Tochter geboren, und wenig später adoptierte das Paar ein weiteres Kind.

1924 erschien ein erster Essay von Pearl Buck in "Atlantic Monthly", der literarisch-politischen Zeitschrift, die u.a. von Ralph Waldo Emerson gegründet worden war. Pearl Buck begann zur gleichen Zeit, quasi heimlich, einen Roman über das chinesische Landleben zu schreiben.

Sie fühlte sich von der chinesischen Art, Geschichten zu erzählen, weit stärker angesprochen als von der amerikanischen:

It is the Chinese and not the American novel, which has shaped my own efforts in writing

wird sie zitiert.

Das mag dem schon erwähnten Kindermädchen Wang geschuldet sein, einer offensichtlich enthusiastischen Geschichtenerzählerin. Alle Literaturnobelpreisträgerinnen, von denen ich bisher gelesen habe, betonen, dass das Geschichtenhören der Kindheit zum wichtigsten Quell des eigenen Literaturschaffens wurde.

Die späten 20er Jahre, es ist auch die Zeit der Weltwirtschaftskrise, entwickeln sich für Pearl Buck auch persönlich krisenhaft. Die Tochter Carol ist schwer krank. Eine Stoffwechselerkrankung, die zu einer geistigen Behinderung führt. In Nanjing entwickeln sich bürgerkriegsähnliche Zustände. Beide Eheleute haben Affären. Das Ehepaar kehrt zurück in die USA,  doch es kommt zu einer weiteren  Entfremdung zwischen ihnen.

1930 veröffentlicht Buck ihren ersten Roman, Ostwind - Westwind, zwei Jahre später Die gute Erde - bis heute ihr bekanntestes Werk, in 30 Sprachen übersetzt und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Soviel übrigens zur Qualität des Buck'schen Werks, kleingeschrieben durch männliche Konkurrenten, wie so viele erfolgreiche Autorinnen.

Ihre Ehe endete 1935 mit der Scheidung - ganz anders übrigens als die "unmögliche" Ehe zwischen William - dem Maler - und Ruth - der Farmerin - im Roman mit dem schönen deutschen Titel "Eine Liebesehe" aus meinem Bücherregal.

Die enge Verknüpfung des Ehemotivs mit Fragen nach individueller Freiheit und Selbstbestimmung prägt die Literatur Pearl Bucks insgesamt. Das mag auch biographisch zu erklären sein. Bucks Mutter Caroline hatte sich für die protestantisch-christliche Pflicht des Zusammenbleibens in guten wie in schlechten Tagen entschieden, obwohl sie die Ehe mit dem eifernden Missionar Absalom als lebenslange Freiheitsstrafe wahrgenommen hatte.

Pearl Buck hingegen hatte die Scheidung gewählt - und sich gleich wieder neu verheiratet, um mit ihrem neuen Mann, ihrem Verleger, später acht Kinder zu adoptieren.

Ruth und William im Roman gehen einen dritten Weg: Die tiefe Zuneigung zum  Anderen, die gerade aus der Andersartigkeit gespeist wird.

Die Ehe ist etwas so Seltsames ... man wird dadurch mit einem anderen Menschen richtig verschmolzen

sagt Louise, Williams Schwester, ganz am Anfang des Romans und auch am Anfang ihrer eigenen Ehe. Der Roman wird zeigen, dass das ganz und gar nicht nötig ist. Um eine glückliche Ehe zu führen, muss jeder das bleiben dürfen, was er in Wirklichkeit ist.

Die Ehe ist nur erträglich, wenn beide der selben Gesellschaftsschicht angehören

sagt Williams Mutter.

Pearl Buck wird im  Roman zeigen, dass auch Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten eine glückliche Ehe führen können, wenn sie bereit sind, zugunsten des Anderen auf die jeweiligen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten ihrer Schicht zu verzichten.

Ruth bleibt mit der gesamten Farmarbeit und der Kindererziehung allein, der Maler William ist zu jeglicher körperlicher Arbeit unfähig. Die Nachbarn schütteln den Kopf über ihn, besonders als Ruth bei der Farmarbeit schwer verunglückt. Doch ihr ist ein Leben in New York, wie es William ihr gerne bieten würde, unmöglich:

Ich kann hier kaum atmen, flüsterte sie. Hier ist keine Luft.

Unzählige Menschen atmen hier, versetzte er.

Das ist es ja, sagte sie und hob beunruhigt den Kopf.

Die ganze Luft ist verbraucht. Ich bin an Luft gewöhnt, die rein von den Bergen kommt. Außerdem hasse ich ja gerade die Menschen.

William selbst fühlt sich nirgends zugehörig - nicht den standesdünkelnden Eltern, nicht der bäuerlichen Gesellschaft in Pennsylvania. In ihm lebt ein Künstler, dem es auf das reine Kunstschaffen ankommt. Das Einfangen des Lichts, der Natur, der Umgebung.

Am Ende seines Lebens wird er  feststellen müssen, dass er sich seit seiner Jugend, als er das Bild von seiner zukünftigen Frau gemalt hat, als Künstler nicht weiterentwickelt hat - und es wird ihm nichts ausmachen. Es wird ihm genügen, seine Kunst den Schulkindern der Gegend vorzuführen, anstatt einem internationalen Publikum in New York  - und dabei immer unverstanden zu bleiben von der Frau, die er liebt:

Sie grübelte immer wieder über ihren einzigen Kummer, seine Malerei – einen müßigen  Zeitvertreib nannte sie diese Tätigkeit, die ihn von jeher davon abgehalten hatte, einen richtigen Beruf auszuüben und Männerarbeit zu verrichten. Was für einen Sinn hatte es, noch mehr Bilder zu malen wenn sich schon beinahe  100 unverkaufte in der Scheune stapelten? 

Das war wenig genug, wenn es galt, zu zeigen, womit man eine ganze Lebenszeit verbracht hatte.

Niemals wird er seiner Frau dieses vorwerfen. Sie ist sein Lebenselixier. Als er tot ist, sie ohne ein Wort im Schlaf verlassen hat, wird ihr diese Botschaft durch ihren Bruder Tom noch einmal zugetragen - und es gelingt ihr, Trost zu finden:

Nun, nachdem du wieder ins Haus gegangen warst, sagte er, du wärst sein tägliches Brot (...).

Auf dem ersten Bild, das er von ihr gemalt hatte, hielt sie einen Laib Brot in der Hand.

Wenn ich gutes Brot zu essen habe, ist es mir ganz gleich, was sonst noch fehlen mag, hatte er oft gesagt.

Brot ist meine eigentliche Nahrung, hatte er oft gesagt.

Er hätte nichts Bedeutungsvolleres über mich äußern können, dachte sie dankbar. Irgendwie lindert das alles. Sie war immer stolz darauf gewesen, seine Frau zu sein, und doch hatte sie gleichzeitig das entmutigende Bewusstsein gehabt, sie sei für ihn nicht gut genug. Wenn sie ihm wie Brot gewesen war, so bedeutet dies, dass er ohne sie nicht hätte sein können.


Die biographischen Impulse im Text entstammen einem Aufsatz von Henning Klöter von 2019, der als Open Access im Internet zu finden ist. Unten der gesamte Text zum Download. Er beschäftigt sich auch mit der interessanten Frage, ob man Pearl Buck auch als chinesische Autorin verstehen kann bzw. mit der Rezeption ihres Werks in den USA und China.