Die Bankettrede von Selma Lagerlöf

30.01.2020

Am 10. Dezember 1909 ist es dann so weit: Selma Lagerlöf darf den Literaturnobelpreis aus den Händen König Gustavs V. entgegennehmen.

Die Begründung der Akademie lautet

The Nobel Prize in Literature 1909 was awarded to Selma Ottilia Lovisa Lagerlöf "in appreciation of the lofty idealism, vivid imagination and spiritual perception that characterize her writings."

In Anerkennung des hohen Idealismus, der lebendigen Vorstellungskraft und spirituellen Auffassung des Lebens, das ihre Arbeiten charakterisiert, also.

In ihrer Bankettrede nimmt sie den Preis auf ihre ganz eigene und ungewöhnlich private Weise entgegen:

Selma Lagerlöf berichtet von ihrer Zugreise nach Stockholm, die dann ja erst zum Zahnarzt und später zum Schneider führte.

Es war früher Abend, das Licht im Abteil war schummrig, draußen war es ganz dunkel. Alle Mitreisenden dösten vor sich hin, und auch Selma Lagerlöf selbst kam zur Ruhe.

Sie dachte an die vielen Gelegenheiten, die sie schon nach Stockholm geführt hatten. Anlässlich von Prüfungen oder auf der Suche nach einem Herausgeber - und nun die Krönung - um mit dem Literaturnobelpreis geehrt zu werden. Auch schwierig.

Den gesamten Herbst war sie alleine im Värmland gewesen - und nun soll sie der Welt entgegen treten.

Da wird ihr ängstlich ums Herz und sie denkt lieber an die, die jubeln werden darüber, dass sie so ein großes Glück erleben darf:  Die Freund*innen, die Geschwister, die alte Mutter.

Und da fällt ihr der Vater ein. Und sie trauert darum, dass er diese schöne Stunde nicht miterleben kann. Weil sie weiß, dass niemand glücklicher gewesen wäre als er. Als jemand, der die Bücher und die Autoren liebte wie kaum ein anderer.

Und über diesen Gedanken überlässt sie sich auch dem leisen Schunkeln des Zuges. Und genau in diesem Zustand könnte sie ihren Vater treffen, meint sie. 

Und sie sieht ihn tatsächlich im Armstuhl sitzen.

Und spricht ihn an: Vater, ich bin schwer verschuldet, wie soll ich diese Schulden jemals begleichen?

Und der Vater reagiert, wie man im Värmland reagieren muss:

Liebe Tochter, was man über unsern Ort hier sagen kann, ist, dass es alles gibt, außer Geld.

Und sie sagt, dass es darum gar nicht geht.

Ich bin schon von Anfang an bei dir verschuldet. Seit du Klavier spieltest und uns die Bellman-Lieder vorsangst. Und als wir bei dir Lesen lernten, Tegnér und Runeberg und Andersen. Du hast mir beigebracht, die Märchen zu lieben, die Heldensagen.

Aber nicht nur bei dir habe ich Schulden, auch bei allen Bettlern, die hier lang kamen, herumgekaspert haben, gesungen.

Und bei den alten Leuten, die mir ihre Geschichten erzählt haben über Trolle und Elfen. Als ich von ihnen lernte, dass da Dichtung drinsteckt im harten Felsen und den dunklen Wäldern.

Und bei den Nonnen und Mönchen, die Geschichten erzählten von ihren Visionen und den Stimmen, die sie hörten.

Und unsere Bauern, die nach Jerusalem gingen, und damit etwas taten, was in meine Literatur eingehen konnte.

Ganz abgesehen von dem, was ich der Natur schulde. Den Tieren, den Vögeln, den Bäumen, den Blumen. Sie haben mir ihre Geheimnisse erzählt.

Und sie denkt an alle:

Und all die, die unsere Sprache geformt haben und zu diesem schönen Instrument gemacht und mir beigebracht haben, es zu benutzen. All die Pfadfinder, die in Versen und Prosa geschrieben haben. Die großen norwegischen Dichter, die russischen. Und sie zählt sie alle auf, die sie gelesen hat.

Und natürlich die Leser*innen. Unser alter König und sein Sohn. Die Schulkinder, die Dankschreiben kritzelten an Nils Holgersson. Der berühmte dänische Kritiker, der mit wenigen Worten mir so viele Freunde in Dänemark bescherte.

Alle die, die in fremden Ländern etwas für mich getan haben.

All die vielen, die mein Werk beschützt haben. Meine Reisegefährt*innen. Die ganze Liebe, die ganzen Ehrungen.

Und dann, ich kann es selbst nicht glauben,  die Akademie.... Ich habe den Literaturnobelpreis gewonnen.

Alle, die diese Entscheidung getroffen haben. Da geht es nicht nur um Ehre und Geld. 

Sie haben gezeigt, dass ich ein Vorbild sein kann für die ganze Welt.

Wie soll ich das alles jemals zurückzahlen?

Aber der Vater sagte:

Ich werde mir meinen Kopf nicht zerbrechen über etwas, was sowieso niemand zwischen Himmel und Erde beantworten kann. Ich bin zu glücklich, als dass ich mir Sorgen machen könnte.

Selma Lagerlöf schließt mit der Aufforderung, in ihren Toast auf die Schwedische Akademie einzustimmen, und sagt:

Eure Majestät, sehr geehrte Damen und Herren, ich habe keine bessere Antwort auf meine Fragen bekommen können.


Mehr Informationen sowie die originale Rede gibt es auf

 https://www.nobelprize.org/search/?s=selma+Lagerlöf