Di-Onysos

07.02.2020


Meinen Lieblings(ab)satz in Orpheus habe ich schon gefunden:

Man sollte die Wahrheit stets selbst suchen, anstatt sich leichtfertig und bequem einer zu bedienen, die von anderen gefunden wurde.

Der das im Roman sagt ist O., der seinen Onkel Dino im tiefsten Punkt verstanden hat:

Durch die Glut eines jeden einzelnen, da wo viele Leute zusammenkommen, schmelzen Horizonte noch viel schneller zu kleinen Toleranzgrenzen und dann zu verkrusteten Strukturen. So wird aus individueller Selbsterlösung Ich-Aufgabe und blinder Herdentrieb. 

Das passiert

Im Ashram im fernen Indien. Oder bei Lenin und den Kommunisten, den Rechten und den Rastafari, den Veganern und vielleicht sogar bei den Pfadfindern.

Dino, Dionysos, Di-Onysos - das ist nicht nur der Grieche um die Ecke, bei dem man lecker Gyros mit Pommes bekommt und anständig Zaziki. Auch wenn das Zitat mit dem Käse unbedingt richtig ist.


Im Fall von Dionysos gibt es aber außer Gyros noch viele Wahrheiten:

Di - Onysos das bedeutet, er ist ein zweifacher Sohn des Zeus. Keine Unmöglichkeit bei den krausen Verhältnissen in der griechischen Götterwelt.

Viele glauben: Dionysos war auch mal Zagreus. Als Sohn der Persophene mit Vater Zeus - andere glauben er ist einfach Dionysos: Dann ist der Vater immer noch Zeus, die Mutter aber eine gewisse Semele. 

Selma, wie der Autor von Orpheus sie im Roman übrigens etwas despektierlich nennt.

Wie geht das?

Als Kind war Zagreus  etwas zu neugierig.  Das haben in dem 10jährigen Krieg gegen den Olymp die Titanen ausgenutzt und konnten ihn in sieben Teile zerreißen. Eigentlich können die Göttlichen ja nicht sterben. Das Sterben verbinden sie mit den Menschen, denen sie dabei eventuell interessiert zusehen. Mehr nicht. Und Zeus gibt sich nun große Mühe, noch etwas Gutes aus der Sache werden zu lassen. Ob's gelungen ist? Muss jeder selbst entscheiden:

In einer Version der Geschichte des Dionysos, der geboren wird, um zu sterben, um zu leben, wird aus seiner Asche und der Asche der von Zeus aus Rache mit einem Blitz geschlagenen Titanen das Menschengeschlecht.

Oder: Zeus lässt die sieben Teile des Zagreus in Delphi bestatten und dort wird nun jedes Jahr Auferstehung gefeiert.

Oder: Aus der Asche des Zagreus wächst der erste Weinstock.

Oder die häufigste Version:

Zagreus wird als Dionysos noch einmal geboren: Dionysos' Tante Athene rettet das Herz des Zagreus, sein Vater Zeus isst es auf. Er, verheiratet mit der sehr eifersüchtigen Hera,  findet die schöne Menschin Semele, und zeugt mit ihr ein Kind, eben Dionysos.

Semele wird nun selbst vom Blitz getroffen, stirbt. Semele, die Menschin, kann nicht gerettet werden, wohl aber das Kind. Und Zeus muss wieder kreativ sein: Er näht sich den ungeborenen Dionysos in seinen Oberschenkel - und gebiert ihn - auf die Frauen ist ja kein Verlass - drei Monate später selber.

In diesem Fall wäre Dionysos der einzige unsterbliche Gott mit einer menschlichen Mutter. Der einzige? Lassen wir das. 

Er kennt das Leben, er kennt den Tod. Oder auch, wie es der O. in Orpheus sagt:

Dino kannte sich aus: Ihm gehörte die Bar mit dem bezeichnenden Namen: FAITH HEALER. Er wusste alles über den Blues. Er kannte die Geschichte des Lebens.