Der Vater

28.09.2019

Ich hab mich ein bisschen ums Schreiben rumgedrückt in dieser Woche. Es stand an der (vermutliche) Todestag meines Vaters, heute vor mehr als 20 Jahren, das Grab gibt es gar nicht mehr. Hat der Tag mit meinem Immunsystem zu tun, das gegen mich zu Felde zieht? Meine Therapeutin sagt "auch", meine Mutter sagt "nur". Der Opa sagte: "Der muss doch entführt worden sein". Ein Selbstmord kam in seiner Welt nicht vor, dazu war er vielleicht zu katholisch. Er starb am Geburtstag meines Vaters, vielleicht haben die da gefeiert, wenigstens wurde er erwartet".
Mein Vater hatte keinen Sinn für Krankheiten. Es wird berichtet, wäre ich als behindertes Kind zur Welt gekommen, hätte er ein Kissen benutzt, um mich wieder von der Welt zu bringen. Als ihn dann der Schlag traf, musste er sich von der Welt bringen. Musste Behindertenausweis und Brille auf den Wohnzimmertisch legen und gehen. Musste bis Neumond warten. Solche Aufzeichnungen hat er uns hinterlassen. Er hat einen Plan ausgeführt. Der hartgesottene Bestatter sagte: "So einen Fall habe ich noch nie gesehen. Wie sich einer von der Welt bringt. Und nie mehr gefunden werden will." Der Plan ist nicht aufgegangen, ein Baggerführer hatte nämlich auch einen Plan zu erledigen. Ungefähr zwei Wochen später.
So störte dann die Trauerfeier den Geburtstag meiner Oma erheblich. So ist das halt bei uns mit den Tagen.
Meine Therapeutin fragte: "Ist so etwas für Sie auch denkbar?". "Nein", sagte ich. "Ich weiß, wie viel das bei den anderen durcheinanderbringt. Das würde ich nicht wollen. Ich bin dann eben krank und suche trotzdem das schöne Leben, die Leichtigkeit, mit der ein Vogel auf dem Stein sitzt und sich dann in die Lüfte erhebt".