Der Sieg

30.01.2020

Die Zeit: 13. September 1759, im jüdischen Jahr 5519, am 21. Tag des Elul 

Der Ort: Lemberg


Am 13. September 1759 dürfen sich die Rabbis nun endlich auch äußern. Der Lemberger Rabbiner Rapaport nennt die gesamte Anklage

Einen Akt der Bosheit, der Rache, schlichtweg einen Überfall.

Nichts Böses gebiete der Talmud gegen die Christen.

Roter Wein ist der bessere, deswegen wird er im Talmud empfohlen.

Beim Trinken denkt man an jenes Blut, welches der Pharao den Kindern Israels nahm - und an das zu Pessach geschlachtete Lamm.

Zwinkern komme im Talmud ganz gewiss nicht vor. Man müsse davon ausgehen, dass die Contratalmudisten beim Hebräischunterricht wie auch sonst beim Unterricht schlicht nicht genug  aufgepasst hätten.

Überhaupt würde er alle Behauptungen leicht widerlegen können, wenn denn die Zuhörer ihren Verstand eingeschaltet hätten.

Aber das Ergebnis der Verhandlung, die ein weiteres Mal vertagt werden musste, ist  niederschmetternd. In allen Punkten bis auf die Blutthese 7

Erachte man die Talmudisten als überstimmt. 

Die Christenblutfrage kommt vor das Consistorialgericht.

Somit darf die Taufe der Sabbataizwisten als beschlossene Sache gelten.

Die Kastellanin Kossakowska ist entzückt:

Selbst trage ich mich mit dem Gedanken, mein Gut (...) für eine Weile Frank nebst seiner Familie und engsten Mitstreitern abzutreten (...).

Der Dekan Chmielowski hat immer noch mit seinen Plagiatsvorwürfen zu kämpfen. Weil aber die ganze Kirchlichkeit sich nur noch um die Sabbataizwisten dreht, kann ihm keiner helfen.

Der kluge Bernhardiner Pikulski hatte ihm auseinandergesetzt:

Sie schreiben mit Punkten, 

also Akcenten, deren neun es im Hebräischen gebe, die Talmudschriften aber ohne diese Punkte gedruckt würden, so fänden sich im Talmud zahlreiche vieldeutige Wörter, die von den Rabbinern auf andere Weise verstanden würden, als sie es dem einfachen Volk erklärten (...)

Das hatte den Dechanten maximal entsetzt:

Wenn solche Dinge sich ereignen auf der Welt, wie soll dann unser Verstand damit zurechtkommen?

Gelehrte Bücher können schließlich nicht lügen.

Das alles passt zu seinem Misstrauen gegen die Juden, das jetzt wieder die Oberhand gewinnt, insbesondere in der Frage der Ritualmorde und des Christenblutes.

Die Rabbis rufen ihre Leute nun dazu auf, in den Häusern zu bleiben, damit nicht Franks Augen,

dieser hergelaufene Straßenköter

(...) den Augen eines anständigen Juden begegnen.


Der Schutzbrief vom Papst ist das Papier nicht mehr wert, auf dem er steht.

Es gibt jetzt für die gesetzestreuen Juden keine andere Chance mehr,

Sich dieser Ohngötter zu entledigen, als sie zur Annahme des Christentums zu drängen.

Die Juden starten Sammlungen, damit die Taufen der Jakobjünger möglich werden.

Und diese Pilger kommen nach Lemberg geströmt: Bitterarme Leute. Kleine Händler, Handwerker, Weber, Tagelöhner, Topfverdrahter, Messerschleifer. Väter, für die der jüdische Gott nur Töchter übrig hatte.

Sie haben eine Hoffnung:

Wir werden niemals sterben, sagen sie. Die Taufe schützt uns vor dem Tod.

Angeblich wird jeder von uns dreißig Jahre alt sein - 

nach der Taufe.

Wenn sie sich erst taufen lassen, wird es ihnen allen endlich so gut gehen wie den Christen.

Tatsächlich beginnt auch die Kirche mit caritativer Arbeit, beginnen die Bessergestellten, die Abgerissenen zu versorgen.

Kurz bevor das dann mit dem Taufen in Lemberg losgeht, entsteht dort vor der Kathedrale ein

Jahrmarkt der christlichen Vornamen, am begehrtesten ist Marianna - (...).


Sooo, gestern war der Geburtstag der Literaturnobelpreisträgerin 2018, Olga Tokarczuk. Damit endet jetzt für mich (etwa auf der Hälfte)  der offizielle Teil von #Olgalesen. Natürlich lese ich Die Jakobsbücher weiter, aber privat. 

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. 

Es wäre schön, wenn dieser wunderbare Roman noch viele Leser*innen für sich gewinnen könnte.


Und haben Sie eines stets im Sinn:

Zu Lebzeiten auf Erden weben die Seelen aus ihren guten Taten den mizwot, Gewänder, in die sie sich nach dem Tode kleiden werden in der höheren Welt. Von Löchern durchsetzt sind die Gewänder der schlechten Menschen. Olga Tokarczuk: Die Jakobsbücher