Der Preis | Das Kleid*

29.01.2020

* WERBUNG wegen Rezensionsexemplar | unbezahlt | unaufgefordert *


1909 ist in Schweden das Jahr des Generalstreiks. Vom 4. August bis 6. September 1909 ist auf Beschluss der Landeszentrale der Gewerkschaften von allen ihr angeschlossenen Organisationen ein allgemeiner Ausstand durchgeführt worden. 75 Prozent der Arbeiter beteiligten sich. Mit diesem Streik war der Versuch der Unternehmerverbände, durch großangelegte Aussperrungen während der Wirtschaftskrise, die Zustimmung der Gewerkschaften zu Lohnreduzierungen zu erzwingen, abgewehrt worden. Für Selma Lagerlöf und ihre Freundinnen bedeutete das vor allem Beschwerlichkeiten und Einschränkungen der Reisetätigkeit.

Am 14. November 1909 erhält Selma Lagerlöf einen Anruf von ihrer Freundin Valborg. Eigentlich war Valborg in anderer Postmission unterwegs, aber sie hatte den Brief des Ständigen Vertreters der Schwedischen Akademie im Postfach gefunden, geöffnet und sofort den Telefonhörer in die Hand genommen.

So erfährt Selma Lagerlöf von der Krönung ihres Autorinnenlebens am Telefon.

Der Brief selbst ist laut Selma

sehr bürokratisch und formell. Nun, etwas anderes war schließlich nicht zu erwarten.


Der ständige Sekretär af Wirsén hatte kräftigen Widerstand geleistet gegen die Auszeichnung Lagerlöfs. Er war ihr erbittertster Gegner. 

Astrid Lindgren schrieb 1978 in einem Essay über Carl Friedrich af Wirsén,  diesen

 "seltsamen Kauz".

Das Merkwürdige an ihm war sein untrüglich sicherer schlechter Geschmack. Ständig verwarf er alles, was ihm neu, frisch, schön und blühend in die Hände geriet, (...). Wer von ihm gelobt wurde, hatte allen Grund, sich zu fragen: Bin ich wirklich so dermaßen schlecht?

Für sich selbst hatte Selma Lagerlöf ja schon mehrfach den Preis reklamiert. Mehr oder minder im Spaß. Auf jeden Fall war damit natürlich auch immer eine Schneider-/Kleider-Frage verbunden gewesen. 

Ihre Freundin Sophie möchte nun das Kleid gerne gemeinsam in Göteborg besorgen.

Aber Selma hatte bei einer dieser Preisphantasien auch mit ihrer Schwester Gerda darüber geträumt - und muss nun Sophie absagen:

Wie ich schrieb und am Telefon sagte, finde ich, dass du in Bezug auf Göteborg recht hast. (...).

Aber

Du weißt ja dass Gerda ein großes Kind ist. (...). Und offenbar haben wir uns einmal über den Nobelpreis unterhalten und darüber, dass wir, wenn es einmal so weit ist, bei Ludins Kleider nähen lassen würden (...). Als ich Gerda von deinem Vorschlag erzählte, brach sie in Tränen aus (...).

Auch ich war traurig und ich muss zugeben, dass sie recht hatte, weil ich ihr all dies versprochen hatte.

Zwei Wochen vor der Veranstaltung geht es dann gemeinsam mit Valborg (!) und Gerda nach Stockholm. Selma musste ihre Zähne machen  - und eben die Garderobe (s.u.)  anfertigen lassen.

Foto: Marie Söhrman 

Mehr Informationen: https://www.marbacka.com/deutsch/d_nobelpriset.php


Bei der Feier selber stieß dann noch Sophie zu dem Kleeblatt - und es kam zu schweren Eifersuchtsszenen, weil sowohl Valborg als auch Sophie Selmas Liebe für sich reklamierten. 

Es war so schlimm, dass es Selma Lagerlöf wirklich schadete und sie zeitweise dachte, ihre Rede nicht halten zu können.



* Alle Zitate und Hintergrundinformationen entstammen meinem Rezensionsexemplar Selma Lagerlöf: Liebe Sophie Liebe Valborg. Eine Dreiecksgeschichte in Briefen. Herausgegeben und kommentiert von Holger Wolandt. Aus dem Schwedischen übersetzt von Lotta Rüegger und Holger Wolandt. Stuttgart, Verlag Urachhaus, 2016.