Der Opa

21.09.2019

Die Pfeife führt mich zu meinem Opa. Phh, soll ich als Kind dazu gesagt haben oder Phöh, ich kann mich daran nicht mehr erinnern. Aber an die Attribute, die ich von einem Opa erwartete. Da war die Pfeife, in der er Zigarren qualmte, der Spazierstock, vor allem aber das Holzbein. Als meine Kinderfreundin Birgit mir ihren Opa gezeigt hat, hab ich abgewunken, Quatsch, der benutzt keinen Stock beim Gehen. Der ist kein Opa.

Mein Opa hatte an seinem 20. Geburtstag sein Bein für das Hitlerreich gegeben, eingetauscht hatte er dagegen das Holzbein. Da konnte man draufhauen. Wenn der Opa seinen Mittagsschlaf machte, stand das Holzbein neben dem Sofa. Sonst hat der Opa das nie abgeschnallt, außer zum Schlafen im Bett, er brauchte keinen Rollstuhl.

Mit dem Holzbein gingen wir in den Wald, wo ich Stadtkind lernte Nadelwald vom Blätterwald zu unterscheiden. Der Opa spielte mit mir Fußball auf der Straße vor dem Haus. Mit dem Opa ging ich Heckeschneiden zu den Kriegerwitwen in der Nachbarschaft. Mit dem Holzbein gingen wir Spagelstechen, Kartoffeln anhäufeln, kletterten auf die Kirschbäume - unten auf den mit den Maden und den Süßkirschen, oben auf den mit den Schattenmorellen. Vom Chateau de Moreilles sollte der Name kommen, oder wenigstens von Chatel Morel, dem französischen Wort für Sauerkirsche. Der Opa hatte seine eigenen Erinnerungen an den Frankreichfeldzug.
Er hatte regelmäßig Nervenschmerzen, dann aß er Schmerztabletten, die Dolviran, spülte sie mit kaltem Kaffee runter.
Ich hab meine Therapeutin gefragt, ob ich meine Schmerzen vielleicht vom Opa übernommen hab. Aber da schüttelte sie mit dem Kopf. Nein, der Opa habe mir eher beigebracht, weiterzumachen. Nicht zu sitzen und zu jammern, sondern die Arbeit anzupacken.
So war er auch wirklich, zuerst Gartenbaumeister. Gärtnerausbildungen, die hatten die Nazis über für schwerverwundete Veteranen. Später, als die Arbeit in der Baumschule zu anstrengend wurde, kam die Arbeit als Pförtner. Dort auf der Arbeit war er einmal gestürzt. Dass er sich dabei den Stumpf gebrochen hatte, erfuhren wir alle erst 14 Tage später, als er freiwillig ins Krankenhaus wollte, weil es ausnahmsweise wirklich einmal nicht weiterging.