Der Frieden hier, der Krieg da und ein Messias

31.12.2019

Zeit: 1648 - 1655

Olga Tokarczuk nutzt einen klugen Kniff, um die lange Geschichte Polens von vielen Seiten beobachten und erklären zu können. Es gibt nicht eine Erzählerstimme, die durch eine streng gegliederte Handlung führen würde. Sie lässt stattdessen viele Menschen erzählen. Menschen wie Jenta, die sterbend nicht sterben kann, vor allem aber die, deren Profession das Schreiben ist. Diese Chronisten können jeweils große Zeiträume im Auge haben und munter durch die Jahrhunderte wechseln.

Große Sachverhalte werden auf diese Weise wie in einem Mosaik zusammengelegt. Das ganze Bild wird sich vermutlich erst am Schluss zeigen. Bei mir führt das dazu, dass mein Blickwinkel sich weitet, weil ich nachschlagen und nachlesen muss.

So wie beim Jahr 1648. Das kannte ich bisher als das Jahr des Westfälischen Friedens - das Ende des 30jährigen Krieges, der so unendlich viel Leid über Europa gebracht hat wie keine kriegerische Auseinandersetzung vorher. Und es stimmt auch bei mir, was die Autorin Rabbi Schors Tochter Chaja in den Mund legt: "Die Menschen wollen immer, dass es einfach ist (...) weiß oder schwarz. Dummköpfe sind sie. Schließlich ist die Welt aus unendlich vielen Schattierungen von Grau gemacht." Grau? Nicht bunt? Nicht in Polen!

Das Jahr 1648 war für Polen, das zu der Zeit Polen-Litauen war, nicht nur ein irgendwie graues, sondern tatsächlich ein rabenschwarzes Jahr. Auch die Ukraine gehörte zu Polen-Litauen, als ukrainische Kosaken sich gegen das Königreich Polen auflehnten. Es ging gegen die schon erwähnte Willkür der Landbesitzer, vor allem aber gegen den Druck, den die Orthodoxen bei Ausübung ihrer Religion erleiden mussten. Russland wollte die Kosaken nicht unterstützen, keinen Krieg gegen Polen-Litauen führen. So schlossen sich die Kosaken im Kampf mit den Krim-Tataren zusammen und waren Erfolgreich. Darauf hin durften die Krim-Tataren die umkämpften polnischen Güter behalten. Als die Kosaken dann nach Westen zogen, wurden unendlich viele Polen, Jesuiten, Juden gnadenlos hingemetzelt.

1654 dann schworen die Kosaken einen Eid auf den Zaren. Damit begann der Russisch-Polnische Krieg, Polen verlor einen Teil der Ukraine an Russland.  Die Schrecken hörten damit nicht auf. Erst kam die Pest nach Polen, dann eine große Kälte, dann 1655 die Schweden - und der Zweite Nordische Krieg begann. Die polnischen Juden galten auf einmal als Ungläubige.

Weil die Juden für alles, was schlecht lief in diesen Jahren herhalten mussten, fingen sie an, den ihnen von Gott versprochenen Messias herbeizusehnen, der all ihr Elend beenden sollte. Tatsächlich wurde  dieser Messias auch schnell gefunden, in Smyrna, dem heutigen Izmir wurde er entdeckt: Sabbatai Zwi.