Der Beginn

26.12.2019

Auf den ersten Seiten lerne ich Jenta kennen. Eine alte Frau, eher am Sterben als am Leben. Und Elischa Schor. Als er Jenta anpackt ist es: (...) als hätte es einen Schlag getan, sieht Jenta alles von oben (...) Von nun an bleibt es so - Jenta sieht alles.

I Das Buch des Nebels


Das Jahr: 1752

Der Ort: Rohatyn

Das religiöse Leben in der kleinen Stadt scheint vielfältig zu sein. Es gibt eine Pfarrkirche, ein Dominikanerkloster, die St. Barbarakirche, zwei Synagogen und fünf orthodoxe Gotteshäuser.

Die Menschen sind durch die Bank arm. Oder wie es der katholische Priester, Dechant des Ortes und Autor (!) Chmielowski ausdrückt: "An den Lumpen ist nicht zu erkennen, ob es jüdisches, orthodoxes oder katholisches Elend ist. Die Armut kennt weder Konfession noch Staatspapiere".

Dieser Pater ist in nichtöffentlicher Mission unterwegs: auf der Jagd nach Büchern. Er folgt einem hochgeheimen Geheimtipp. Zum Juden muss er. Er, der nach eigener Aussage von den Juden wenig bis gar nichts weiß. Im Gepäck trägt er einen Schatz: Athanasius Kirchers "Turris Babel", in dem dieser nachweist, dass der Turm von Babel nicht so hoch gewesen sein kann, wie es in der Bibel dargestellt wird.

Funfact an dieser Stelle: Im Roman "Tyll" von Daniel Kehlmann, trifft die Titelfigur gleich zweimal auf diesen Kircher, der mit seinem Hexenkommissar Oswald Tesimond einen Prozess gegen Tylls Vater führt, welcher mit dessen Hinrichtung endet. Dem half auch nicht, dass er die beklagten Bücher in seinem Besitz gar nicht lesen konnte. Insgesamt erinnert mich der Roman auch an Ecos "Der Friedhof in Prag" oder an die Romane von Noah Gordon. Ich fühle mich schnell heimisch.

Chmielowski und Elischa Schor, die wegen der Büchersache aufeinandertreffen, haben auch keine Chance der Verständigung ohne Dolmetscher. Soweit sie sich für die Bücher des Anderen interessieren, können sie sie doch nicht lesen.

Dass das ein Riesenproblem ist, erkennt Chmielowski sofort: "Läsen die Menschen dieselben Bücher, lebten sie in der selben Welt".

Zunächst scheitert also einmal mehr die Idee vom Gewinn aus Büchertausch und dem gemeinsamen Leben - an der Sprache. Babel halt.