Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse

28.10.2019

REZENSION {Unbeauftragte Werbung}

Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse (Originaltitel: Where the Crawdads Sing)
Aus dem amerikanischen Englischen übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.

Als ich in Norddeutschland auf die Grundschule ging, lernte ich, dass es dort zwei verschiedene Sorten von nichtbesiedelten Landschaften gibt: die interessante Marsch und die uninteressante Geest. Die Marsch ist fruchtbares, sumpfiges Schwemmland, das trockengelegt werden muss, wenn man dort wohnen und einen landwirtschaftlichen Ertrag erzielen möchte. Die Geest dagegen ist sandig, gibt für den Anbau gar nichts her, ist lebensunwirtlich.

So war ich schnell eingefangen von der Geschichte, die in den 40er Jahren im sumpfigen Marschland von North Carolina spielt. Als die sechsjährige Kya ihrer Mutter dabei zusehen muss, wie sie die kleine Hütte verlässt, um nicht wieder zurückzukehren. Kya ist das jüngste von 5 Geschwistern und wird in den kommenden Jahren erleben, wie sie von jedem einzelnen verlassen wird. Als Kya zehn ist, geht auch der Vater, ein vom Krieg zerstörter Alkoholiker und Schläger, der auch vor der Familie nicht haltmachte. Wirklich vermisst wird er nicht.

Kya bleibt allein zurück in der Marsch. Sie wird sich vor den Menschen verstecken, die Schule meiden, stattdessen von der Natur alles lernen, was ein Mensch zum Überleben braucht: Beobachtung, Behutsamkeit, Vorsicht, Vorausdenken.

Delia Owens, ist eine wunderbare Naturbeschreiberin. Zusammen mit Kya erleben die Leser*innen all die Geheimnisse von Federn, Muscheln, Gräsern, Licht, Meer und Möwengeschrei. Aber da wo die Menschen ins Spiel kommen, geht es grausam zu. Nur wenige Leute haben Erbarmen und unterstützen das Kind.

Als ein Mord geschieht, ist vielen im Ort klar: Das kann nur das Marschmädchen gewesen sein.

So wird dieser Roman zu einem Krimi, einem Gerichtsdrama - aber auch zu einer schmerzlichen Liebesgeschichte. Die unabhängigen Buchhandlungen haben den Roman zum Lieblingsbuch 2019 gewählt. Dem habe ich nichts hinzuzufügen außer: kaufen, lesen!