Das Ende ...

27.02.2020

Jetzt heißt es so langsam, Abschied zu nehmen von Grazia Deledda. Es bleibt tatsächlich so ein Gefühl, als würde ich die Autorin persönlich gekannt haben. Wobei sie lange nicht so zugänglich ist, wie z.B. Selma Lagerlöf - oder gar Olga Tokarczuk, die ja auf Internet-Posts sogar persönlich reagiert hat. Was für ein wunderbares Glück!

So richtig weiß ich immer noch nicht, wer Grazia Deledda eigentlich war. Vier Jahre Grundschulzeit, möglicherweise die erste Klasse übersprungen und dann dafür die vierte Klasse zweimal besucht. Geschrieben, geschrieben, geschrieben. Dann zeitgleich der Krebs und der Literaturnobelpreis.

Angefeindet wegen Nähe zum Faschismus - und dabei klagt sie doch Unterdrückung und Mangel an Diversität an. Sie kritisiert die katholische Kirche hart, da wo sie unmenschlich ist.

Sie ist total verschlossen in sich. Es geht nicht um Gefühle. Ihr geht es vor allem um die Darstellung dessen, was ist. Sardinien - ihr Segen und ihr Fluch.

Diese archaische Männergesellschaft der Hirten und der Bauern, die ihre eigenen Regeln und Gesetze hat - und dazwischen, fast zermalmt - diese phantasiebegabte Frau. Die mit eisernem Willen das völlig Unmögliche geschafft hat. Die sich später sehr wohl zu wehren wusste, wenn andere versuchten, sich auf ihre Kosten lustig zu machen.

Es müssen wohl viele interessiert gewesen sein, an ihrer "echten Biographie", die es aber - wenigstens mit "Cosima" - eher nicht gibt. Wie befürchtet, endet sie - wie Goethes Dichtung und Wahrheit - vor dem 30. Lebensjahr. Sehr viel ist drinnen die Rede von Feen und Träumen und Phantastereien. Da hat eine Autorin einen Teil ihres Lebens literarisch nachempfunden - Cosima ist wahrhaftig, die Geschichte einer schreibenden Frau auf Sardinien. Der Mensch Grazia Deledda bleibt aber verborgen.

Die Übersetzerin meiner Cosima-Ausgabe, die auch ein Nachwort zum Roman mitliefert, macht auch den Kardinalfehler, Cosima mit Grazia gleichzusetzen.

Sie schreibt über dieses Stückchen Literatur, nach dem Tod in der Schublade gefunden, und auch frühestens nach dem Tod Deleddas zu veröffentlichen:

Cosima, die fein säuberlich handgeschriebenen Seiten ohne Korrektur im himmelblauen Seidenband von ihrem Lieblingssohn Santus an den Verleger weitergereicht, scheint wie das literarische Testament der Autorin (...).

Moment, Frau Klarner, Santus ist der Bruder von Cosima. Der Mann mit dem Alkoholproblem.

Grazia Deledda hatte tatsächlich zwei Söhne, aber einer hieß Sardus und der andere hieß Franz.

Kleinigkeiten sind das, aber sie sind bezeichnend für den Umgang mit Grazia Deledda in Deutschland.

Dabei hat sie noch viel zu sagen. Viel von dem was sie sich in ihren Romanen wünschte, ist bis heute nicht erfüllt. Die katholische Kirche diskutiert immer noch über den Zölibat. Wir Frauen diskutieren immer noch, ob wir im Literaturbetrieb als gleichberechtigt gelten können. 

La Deledda soll hier das letzte Wort haben: 

Rede von Grazia Deledda zur Verleihung des Nobelpreises 1926

Ich bin geboren in Sardinien.

Meine Familie besteht aus weisen Menschen,

Aber auch aus Gewalttätern und primitiven Künstlern,

Ich hatte Autorität, und ich hatte auch eine Bibliothek.

Doch als ich anfing zu schreiben

Mit dreizehn, war ich über die Meinen verärgert.

Der Philosoph warnt: Wenn dein Sohn Verse schreibt,

Korrigiere ihn und schicke ihn auf die Straße zu den Bergen;

Wenn du ihn zum zweiten Mal bei der Poesie erwischst,

Bestrafe ihn noch einmal; 

wenn es zum dritten Mal ist,

Lass ihn in Ruhe, denn er ist ein Dichter.

Ohne Eitelkeit, mir ist das auch passiert.

Ich hatte ein unwiderstehliches Trugbild der Welt,

Und vor allem von Rom. Und in Rom, nach der Glanzzeit der Jugend,

Erbaute ich mir mir ein Haus, in dem ich ruhig lebe

Mit meinem Lebenspartner, und ich höre

Die flammenden Worte meiner jungen Söhne.

Ich habe alles gehabt, was eine Frau verlangen kann

Von ihrem Schicksal, aber, vor all dem sonstigen Glück,

Den Glauben an das Leben und an Gott. 


Grazia Deledda