Cosima!

13.02.2020


An diesem Tor zeigt sich eines Morgens im Mai ein kleines, braunhaariges Mädchen, ernst (...) eher Bauernkind als Bürgerstochter. Und es wartet, von einem Bein aufs andere wippend, daß jemand vorbeikomme oder sich am Fenster gegenüber zeige, denn es hat eine wichtige Neuigkeit mitzuteilen.(...)

Das Mädchen da am Tor (...) hält seine Nachbarn für außergewöhnliche Menschen. Eigentlich ist alles außergewöhnlich für sie, so als käme sie nicht aus dieser, sondern aus einer ganz anderen Welt (...).

Endlich öffnet sich ein Fenster im Haus gegenüber, und ein braunes Gesicht mit den großen zusammengekniffenen Augen der Kurzsichtigen beugt sich hinaus, um nach allen Seiten die Straße hinauf- und wieder hinunterzuschauen.

(...)

Das kleine Mädchen richtet sich auf und ruft dann die ihr so wichtige Nachricht hinüber: Signora Peppina, wir haben ein neues Kind, ein Sebastianchen!

Später stellte sich heraus, dass es ein Mädchen war. Doch die Kleine hatte sich ein Brüderchen gewünscht und so erfand sie es für sich, mit Namen und mit allem, was dazugehört.

Wie bringt man jetzt diese kleine Geschichte aus dem Roman "Cosima" mit der veristischen Autorin Grazia Deledda zusammen? Wie bringt man sie zusammen mit der Frau Grazia Maria Cosima Damiana Deledda, Literaturnobelpreisträgerin mit Krebs und einer bereits amputierten Brust? 

Da würde ich doch vorschlagen: lieber erstmal gar nicht. Es ist ja noch die Frage vom Anfang offen, handelt es sich bei Deledda um ein Bauernkind (wie auf der Nobelpreiswebseite behauptet) - oder entstammt sie einer wohlhabenden Bürgersfamilie? 

Auch wenn sehr viele Rezensent*innen sagen, Cosima sei die Autobiographie oder "Die Nobelpreisträgerin erzählt ihre Jugend, ihre eigene Geschichte", bleibe ich vorsichtig. Schließlich hat Goethe das auch so gemacht. Seine Geschichte von der Geburt bis ins Alter von etwa 26 Jahren, in "Dichtung und Wahrheit", eben wie der Titel schon sagt. Und das Werk, oder zumindest die Diskussion darüber, dürfte Deledda gut bekannt gewesen sein.

Diese kleine Geschichte ziemlich am Anfang des Romans scheint mir in Wirklichkeit erstmal als Warnung an die Lesenden gedacht zu sein. Autoren neigen dazu, die Geschichten, die sie erzählen, mit Pointe zu erzählen. Im richtigen Leben fehlt aber die Pointe meistens.

Auf jeden Fall schreibt hier eine andere Deledda als die Autorin von "Das Geheimnis".

Diese, die veristische Autorin, übernimmt zwei Absätze tiefer, wo die Rede auf die Magd im Haus kommt, und auf die Familie:

Zwanzig Jahre stand sie bereits im Dienst dieses Hauses, und weitere zwanzig lagen noch vor ihr.

Damals war sie dreißig Jahre alt. Als Kind armer Leute war sie hergekommen, um den ersten Sohn ihrer Herrschaft zu hüten. Der aber starb nur wenige Monate nach der Geburt und machte gleich Platz in der Wiege für den nächsten.

Aber egal wie, der Roman ist bis hierhin schon wunderbar erzählt. Ich freue mich drauf.