Christoph Nußbaumeder | Die Unverhofften

05.03.2021

Werbung | unbezahlt | unaufgefordert

Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. eISBN 978-3-518-74830-5


Gerade heute morgen im Radio habe ich die blöde Frage wieder gehört: Warum sollte man Buchhandlungen öffnen? Bücher lassen sich doch besser als alles andere im Internet kaufen. Ja klar, am besten noch bei Amazon oder bei Thalia, der unsägliche Michael B. ... , aber lassen wir das. 

Klar, Bücher kann man im Internet kaufen - aber da werden sie nicht ausgestellt. Man kann sie nicht vom Einband her schön finden, sich mit ihnen auf ein Sofa setzen und mal reinlesen zum Warmwerden.

Für Bücher und Autoren ist Lockdown eine Katastrophe wie für alle anderen auch. Keiner kauft, wovon er nichts weiß.

Eines der Opfer dieses Lockdowns ist wohl auch der im Oktober 2020 bei Suhrkamp erschienene Erstling des Dramatikers Christoph Nußbaumeder: Die Unverhofften. Ein dicker Wälzer ist das, 671 Seiten stark, aber das sieht man ja im Internet nicht auf den ersten Blick. Ich bin ehrlicherweise auch nur drauf gekommen, weil meine Stadtbibliothek den Roman in der Onleihe angeboten hat.

Und der Wälzer hat es in sich. Er erzählt, von etwa 1900 bis ins Jahr 2019, die Geschichte der Familiendynastie Hufnagel in Eisenstein im Bayerischen Wald. Zu Füßen des Großen Arber ist das, direkt an der Grenze zum Böhmerwald gelegen.

Dort, (...) überwiegen die Westwinde, der klirrende "Böhmwind" aber, der oft tagelang aus nordöstlicher Richtung ins Tal zieht, bestimmt die Witterung. Der Wind macht die Stängel der Gräser krautig bis zur Durchsichtigkeit, und der Winter dauert hier so lange, wie ein Mensch ausgetragen wird.

Etwa im Jahr 1900 brennt es in Eisenstein lichterloh. Jemand hat die Glashütte angesteckt und ein Inferno ausgelöst:

Die Stimmung glich Marias Vorstellung vom Jüngsten Gericht, kurz bevor reitende Engelsscharen auf ihren Feuerpferden ins Dorf einfallen und mit Posaunen und Trompeten die Nacht ohne Morgen ankündigen.

Doch was als Rache gedacht war, fügt, einer eigenartigen Laune des Kapitalismus folgend, der ohnehin schon erfolgreichen Glasgeschichte noch ein viel erfolgreicheres Kapitel der Holzgeschichte hinzu.

Denn warum weiter das Holz verbrennen, um Glas herzustellen, wenn man doch stattdessen direkt das Holz verkaufen kann?

Die Leserin wird nun zur Zeugin von etwa 120 Jahren Familiengeschichte über vier Generationen, eingeleitet durch die Geschichte Marias, die auf ihre Art den gesamten Roman durchziehen wird.

Eine Lüge, 1945 ausgesprochen, wird Jahrzehnte später Menschen das persönliche Glück, ja das Leben kosten. Doch nach dem Krieg und der Flucht kann eben die Versorgung das sein, dem man alles andere unterordnet.

Der Roman ist in sieben Bücher unterteilt, die die Geschichte der Dynastie im etwa Zehnjahresabstand erzählen. Zwischenzeiten werden von einem überdurchschnittlich allwissenden Erzähler überbrückt.

Das Spannende am Roman ist, dass er auch der jeweils herrschenden Politik und ökonomischen Ausrichtung - sowohl im Großen (in der Bundesrepublik)  als auch im Kleinen (in der Provinz) Raum schafft. So ist auch die Sprache der jeweiligen Zeitspanne angepasst. Selbstverständlich spielen deshalb im Jahr 2019 auch ökonomische wie ökologische Erwägungen und der Klimawandel eine Rolle:

Außerdem schwebte Georg eine Stiftung vor, die alternatives Wirtschaften fördern sollte. Er wollte einen Preis ausloben oder Stipendien vergeben. Jedenfalls musste etwas in dieser Richtung geschehen, wenn schon die Politik von Lobbyismus korrumpiert, so zaghaft agierte. (...)

Das ganze Lieferkettensystem ist ein Wahnsinn. Wenn China hustet, wird die ganze Welt krank. Wenn Amerika Fieber hat, gibt es neue Kriege. Die gegenseitigen Abhängigkeiten sind viel zu groß, und sie verbrauchen viel zu viel Energie.

Trotzdem haben alle Protagonisten ein echtes Eigenleben, sie entwickeln sich in den Geschichten, sind nicht nur Stellvertretende ihrer Zeit. So wie der erwähnte Georg Schatzschneider, die Hauptfigur. Vom stillen Jungen wird er zum geschickten Sägewerksleiter, fällt später vor allen Dingen durch ungeheure Skrupellosigkeit auf, bevor er Gedanken hegt wie diese. Daran ist die nachfolgende Generation nicht unschuldig.

Alles kommt vor im Roman, das Wirtschaftswunder, die Ära Willy Brandts, die Achtziger, die Wendezeit - und dann eben unser Jetzt. Und es ist an jeder Stelle verknüpft mit dem, was das Menschsein ausmacht: Liebe, Betrug und das Ringen um Anerkennung und Erfolg.

Es macht wirklich Spaß, diesen Roman zu lesen, der trotz der Fülle und des umfangreichen Tableaus an Protagonisten überhaupt keine Längen aufweist.

Wem große Geschichten keine Angst machen, wer "Altes Land" mochte, der sollte mit diesem Debütroman schnell warm werden. Lockdown hat auch seine guten Seiten:

Lesen!