Chile: Kultur und Diktatur

13.05.2020

Foto gemeinfrei: Gabriela Mistral und Anders Österling 1945 



Gabriela Mistral hat ihrer Gesellschaft ein Leben lang vorgeworfen, sie um den Zugang zu Bildung betrogen zu haben. Wir erinnern uns: Sie war als unbeschulbar aus der Grundschule geflogen und musste sich alles selber beibringen, bzw. von ihrer (Stief-)Schwester beibringen lassen.

Am Lehrerseminar von La Serena, wo sie gerne die entsprechenden Vorlesungen gehört hätte, wurde sie zugelassen. Aber nur, um wieder fortgeschickt zu werden. Perdón. Sie sind alleinstehend, kein Mann tritt für Sie ein. Wer ist eigentlich Ihr Vater? Und dann diese Gedichte, Senorita, das geht gar nicht.

Irgendwie hat sie es dann doch geschafft, wie sie im Leben alles hingekriegt hat. Da war aber auch viel Glück dabei. Gabriela Mistral - für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen? Wie kam das?

Das hat nur gefruchtet, weil die Schwedische Akademie sich in den Kriegsjahren deutlich verjüngt hatte. Zwangsläufig. Einige der hoch angesehenen Mitglieder waren verstorben, so ja auch Selma Lagerlöf. 1940 übernahm Hjalmar Gullberg ihren Sitz. 1940 hatte auch der 74jährige Per Hallström den Weg freigemacht - und Anders Österling wurde Präsident des Nobelkomitees und Ständiger Sekretär. Beide Herren profilierten sich dann als eifrige Unterstützer der Chilenin.

Ich habe mich gefragt, was ist eigentlich aus dieser Bildungssache in Chile geworden? Macht Bildung heute alle Wege frei? Wird dort mehr gelesen als anderswo? Wer fungiert da heute als Unterstützer? Die Antworten auf diese Frage sind eher frustrierend.

In der FAZ stieß ich auf den Artikel "Der größte Betrüger war ein talentierter Dichter". Es geht um Andrea Brandes, die mit hochsicherheits-inhaftierten Chilenen Gedichte geschrieben hat:

Zu Beginn war die vorherrschende Meinung, es gebe Worte, die Männer wie sie nicht in den Mund nehmen dürfen. Es stellte sich dann aber heraus, dass einige vertretbar sind, wenn sie Dichter wie Neruda schon benutzt hatten.

Sie sagt: 

die soziale Bewegung, die in den neunziger Jahren auf die Diktatur folgte, versprach den Jungen: studiert dann werdet ihr was. Das war eine große Lüge: viele von denen, die in den letzten Monaten Steine geworfen haben und eine neue Wirtschaftsordnung fordern, sind verschuldete Hochschulabgänger ohne Job.


Das liberale Wirtschaftskonzept der Diktatur war auf Fortschritt, Leistung, Individualismus ausgelegt, als Paradigma der Erfolg. Wer da nicht mithielt, wurde schnell zum Abschaum der Gesellschaft. Ein Teil der Gesellschaft hat auf Kosten der anderen gelebt. Das hat die Kriminalität befeuert.

Das Literatur-Projekt wurde beendet. Aber immerhin neue Kunstprojekte gestartet:

Und wir haben einen Verein gegründet, der Sträflingen vor der Entlassung Schulungen und später Jobs in der Privatindustrie vermittelt. Die ersten 300 haben wir schon untergebracht.

Es ist halt die Frage, wieviel Hoffnung das macht, wenn es doch gerade wieder Grund zu scharfem Protest gibt: Chiles Präsident Pinera hat in diesen Tagen die Nichte des ehemaligen Diktators Augusto Pinochet zur neuen Ministerin für Frauen und Geschlechtergleichheit gemacht.

Was  außerdem noch zu sagen ist: 

Gabriela Mistral sollte nach der Preisverleihung neun Jahre brauchen, um in ihr Heimatland Chile zurückzukehren, das sie sechzehn Jahre zuvor verlassen hatte. Einen ganzen Monat blieb sie in Schweden, besuchte auch Grab und Wohnsitz von Selma Lagerlöf. Dann wurde sie in Paris, New York und Rom gefeiert. Trotzdem wurde sie nach der Rückkehr in Chile mit Blumen und Goldmedaillen überhäuft. 

Sie wurde zur Generalkonsulin von Los Angeles ernannt.

Von dem Geld, das sie mit dem Nobelpreis gewann, hat sie dort ein kleines Grundstück erworben, ein Haus drauf gebaut und ihren Lebensabend verbracht.